Nawrath schlägt zurück – ein deutscher sieg im schatten der silhouette
Philipp Nawrath jagt allein durch den estnischen Schneegestöber, während hinter ihm das deutsche Biathlon-Hoffnungstrio wieder einmal ins Leere schießt. Platz drei in Otepää – das klingt nach Ritterschlag, ist in Wahrheit ein Hilferuf.
Die 17,8-sekunden-lücke, die alles offenbart
Lägreid lächelt aus Norwegen, Jacquelin grinst aus Frankreich – und Nawrath? Atmet durch. Nach 44 Weltcup-Rennen ohne Podest hat der 33-jährige Oberbayer endlich wieder einen Platz auf dem Treppchen, doch die Freude bleibt halb. „Ich bin kein Einzelläufer mehr, ich bin die Leuchte in einem dunklen Keller“, sagt er mit dunklem Humor. Die Leuchte funktioniert, der Keller auch – nur steht er kurz vor dem Einsturz.
Die Zahlen sind gnadenlos: Philipp Horn folgt nach 1.266 Sekunden als 28., Leonhard Pfund nach 1.554 Sekunden als 37., Justus Strelow nach 1.665 Sekunden als 43. Keiner kommt unter die Top-20, keiner darf morgen in der Verfolgung von der vorderen Startreihe losziehen. Das war schon beim Staffel-Silber in Pokljuka so: Nawrath trägt, die anderen schauen. Jetzt fragt sich selbst Bundestrainer Mark Kirchner, ob er die Startplätze für die neue Saison schon jetzt umschreiben muss.
Die Nationenwertung droht wie ein Damoklesschwert. Verliert das DSV-Team den sechsten Startplatz, fallen beim Heim-Weltcup in Oberhof zwei Startplätze weg. Sponsoren verhandeln härter, TV-Gelder schmelzen, und die Athleten rennen plötzlich nicht nur gegen die Uhr, sondern auch gegen den Rotstift der Verbandsbuchhalter.

Frauen unter druck – und ein sonntag, der alles verspricht
Am Freitag um 15.15 Uhr geben Vanessa Voigt, Hanna Kebinger und Janina Hettich-Walz den Anschlussversuch. Voigt weiß: „Wenn wir hier nicht punkten, zieht die Angst mit ins Weltmeisterschaftsjahr.“ Die Mixed-Staffel am Sonntag könnte zur Rettungsmission werden – oder zur Beerdigung der deutschen Biathlon-Dominanz der letzten zehn Jahre.
Nawrath hat seinen Podest-Kurs gezeigt. Der Rest muss folgen, sonst bleibt Otepää nicht nur der Ort eines versöhnlichen dritten Platzes, sondern auch der Ort, an dem die deutsche Biathlon-Maschine endgültig ins Schleudern kam.
