Nawrath rettet deutschen biathlon vor dem totalausfall
3,7 Sekunden fehlten am Ende, um den Winter der Deutschen zu retten. Philipp Nawrath jagte Johan-Olav Botn über die letzte Steigung von Oslo – und verpasste den ersten Sieg für das DSV-Team nach 14 Monaten Leere knapp. Der zweite Platz beim Massenstart ist trotzdem das Happy-End einer Saison, die längst zur Farce geworden war.
Der countdown lief schon vor dem start
Die Organisatoren zogen das Rennen um 45 Minuten vor, weil Nebel über der Holmenkollen drohte, die Saison in Weiß zu versenken. Es war die letzte Chance, endlich wieder Rot-Weiß in die Kameras zu bekommen. Justus Strelow, Philipp Horn und Nawrath standen in der Startaufstellung wie drei Männer auf der letzten Insel. Vor ihnen die Skandinavier, dahinter nichts.
Nawrath blieb cool. Beim ersten Schiegen legte er beide Liegend-Serien sauber hin, rangierte auf Platz sechs, 16,5 Sekunden hinter dem übermächtigen Eric Perrot. Horn und Strelow schon mit je einem Fehler, das Pulver früh verschossen. Die Franzosen jubelten, die Norweger zogen sich warm, die Deutschen schwiegen.

Im schneegestöber wurde aus hoffnung angriff
Beim dritten Schießen kochte die Basis hoch. Perrot patzte, Botn rutschte neben ihn, Nawrath schob sich mit 5,3 Sekunden Rückstand auf die letzte Runde. Vier Männer im Kreuzfeuer, ein deutscher Skiverband, der endlich wieder mitzählen durfte. Die Tribüne bebte, als Nawrath an Botns Ski hakte – 800 Meter vor dem Ziel.
Der Anstieg zur Zielgerade ist in Oslo berüchtigt: 1,6 Kilometer, 45 Höhenmeter, genug, um Träume zu zerreißen. Botn zog durch, Nawrath antwortete, verlor den Rhythmus, fand ihn wieder. Die 3,7 Sekunden, die zwischen Sieg und Silber lagen, sahen aus wie eine kleine Ewigkeit. Aber sie reichten, um die Statistik zu stoppen: nur drei Podestplätze in Einzelrennen, zwei davon von Nawrath.

Die bilanz ist trotzdem ein schlag ins kontor
Strelow wurde 15., Horn 21., beide ohne echte Konkurrenz für die Weltspitze. Die deutsche Herren-Staffel endet die Saison ohne Einzelsieg, ohne Gelbes Trikot, ohne großes Tamtam. Nawrath nimmt es mit einem Lächeln: „Perfekt am Schießstand durchzukommen, gibt mir ein richtig gutes Gefühl für die Sommerpause.“
Die Sommerpause – das klingt nach einem Wort, das man in der deutschen Skistaffel gern in den Mund nimmt, wenn die Medaillenkasse leer ist. Die nächste Saison beginnt in sieben Monaten in Östersund. Bis dahin muss mehr passieren als nur Training. Die 3,7 Sekunden von Oslo sind eine Warnung, kein Trost.
