Nagelsmanns countdown läuft: so jagt der dfb die wm-form bis houston
86 Tage. Kein einziger Ball rollt mehr in der Bundesliga, dafür pirscht sich Julian Nagelsmann mit seinem 26-Mann-Kader durch ein Programm, das selbst Garmin-Smartwatches an die Grenze treibt. Am 14. Juni geht’s in Houston gegen Curaçao los – und bis dahn hat der Bundestrainer nur noch fünf Fernsehgelder, zwei Flugzeuge und ein einziges Ziel: den fünften Stern.
Der märz-check bringt die wahrheit
Basel, 27. März. Schweizer Nacht, 20.45 Uhr. Drei Tage später Stuttgart – Ghana. Nagelsmann will sehen, wer nach 90 Minuten noch Lungen hat, nicht Instagram-Storys. Die Analysten haben ihm Kurven geliefert: Bei der letzten WM schafften nur 37 % der Teams, die nach dem zweiten Spieltag noch keine Dreier hatten, den Sprung aus der Gruppe. Deshalb zählt jetzt jede Sekunde gegen den Ball, nicht mit dem.
Die Liga macht’s ihm nicht leicht. Letzter Spieltag 16. Mai, Pokalfinale eine Woche später. Dann sofort Herzogenaurach – Adidas-Campus, verschlossene Tore, kein Sponsor-Event, kein Medientag. „Wir trainieren, wir schlafen, wir analysieren“, sagt Nagelsmann. Wer da nicht sprintet, fliegt vor dem 31. Mai, wenn Finnland in Mainz nur noch Statist ist.

Chicago wird die schussvorlage
2. Juni, zweites Lager. Soldier Field, 63 500 Plätze, 20.30 Uhr Ortszeit. USA gegen Deutschland – das ist kein Freundschaftsspiel, das ist ein Machttest. Gregg Berhalter hat seinen jungen Sturm aus der MLS mit der Anweisung geschickt: „Zeigt den Europäern, dass wir 2026 nicht nur Gastgeber sind.“ Nagelsmann kontert mit einer Startelf, die schon in Houston stehen wird. Neuer ist raus, ter Stegen auch. Nübel oder Baumann – das entscheidet sich in North Carolina.
Am 8. Juni zieht der Konvoi weiter nach Winston-Salem. Das Quartier liegt 500 km von der Küste entfernt, kein Atlantik-Druck, dafür 28 Grad Zimmertemperatur und ein Campus, auf dem schon Michael Jordan seine College-Finals spielte. Die DFB-Logistikcrew hat 120 Klimaanlagen nachbestellt, 18 kg Schnürsenkel, vier Physiotherapeuten und einen Barista, der Kaffee braut, bis die Spieler träumen.

Die gruppe ist kein selbstläufer
14. Juni, BBVA Stadium, Houston. Curaçao klingt wie Urlaub, spielt aber wie ein Schlagloch. Die Inselfußballer haben in der letzten Gold-Cup die USA gequetscht und stehen mit drei Eredivisie-Stammspielern auf dem Platz. Dann geht’s gegen Elfenbeinküste – Toronto, 20. Juni – und Ecuador in East Rutherford. Drei Zeitzonen, 2 400 km Flugstrecke, 28 Grad Temperaturunterschied. Wer da nicht rotiert, bricht ein.
Die Zahlen liefern Nagelsmann auf silbernen Tabletts. Seit 1990 verlief jede deutsche WM-Reise, in der die Mannschaft vor dem Turnier zwei Testspiele gewann, mit mindestens Halbfinale. Bei drei Niederlagen schaffte sie nie das Viertel. Deshalb zählt Stuttgart mehr als Basel. Deshalb ist Finnland kein Abpfiff, sondern ein Statement. Und deshalb wird in Winston-Salem nicht gelacht – sondern gezählt. Sekunden, Tore, Herzschläge. 86 Tage. Der Countdown läuft.
