Nagelsmann zieht die notbremse: neuer wird 40 und trotzdem wm-nummer eins
Donnerstag, 13:00 Uhr. Julian Nagelsmann tritt vor die Presse und liefert die größte Kehrtwende seiner Laufbahn. Manuel Neuer, 40 Jahre, zuletzt zwei Mal in der Woche auf der Physiobank, reist als erste Wahl nach Nordamerika – Oliver Baumann darf wieder einpacken.
Die Szene ist durchgesickert: Nagelsmann hat Baumann angerufen, 15 Minuten, kein Happy End. „Ich bringe die Botschaften persönlich rüber“, hatte der Bundestrainer im ZDF versprochen. Das Versprechen hielt er ein, kostet ihn aber die letzten Sympathiepunkte beim Hoffenheimer, der seit Januar auf sein zweites großes Turnier wartet.
Warum der ruck jetzt kommt
Die Wahrheit liegt in der Leistungsdiagnostik von Montagabend. Neuer absolvierte eine Sprintserie, dann sechs Flugbälle in die obere Ecke – alle weg. Die Daten passten, die Aura auch. Nagelsmann kennt die Zahlen: In den 28 Länderspielen seit der WM 2022 kassierte Deutschland mit Neuer 0,9 Tore pro 90 Minuten, ohne ihn 1,6. Die Differenz ist klein, aber in einem K.o.-Turnier reicht ein Ball, um ein ganzes Jahr zu erklären.
Dazu die Psychologie. Joshua Kimmich sagt es laut: „Er ist der beste Torhüter der Geschichte.“ Kimmich ist Kapitän, sein Wort zählt. Die Mannschaft will das Original, nicht die Kopie. Nagelsmann spürt den Druck, auch von der Bierbank bis nach oben. Ein EM-Aus im Achtelfinale lässt selbst den mutigsten Trainer konservativer werden.

Das 26-teile-puzzle mit feingefühl
Im Futsal-Hallenkontor auf dem DFB-Campus liegt ein Whiteboard mit 55 Namen, jetzt sollen 26 bleiben. Die Entscheidung fällt nicht per Excel, sondern nach Gefühl. „Wer passt zur Gruppe?“ lautet Nagelsmanns Leitfrage. Deshalb zögert er bei Matthias Ginter, trotz 34 Länderspielen. Deshalb schwankt er bei Niclas Füllkrug, der in Dortmund nur noch Joker ist, aber immer noch 1,93 Meter misst und Kopfbälle trägt wie andere Handtaschen.
Die Jungstars Lennart Karl und Said El Mala warten auf den Sprint an der Bande. Karl lief in Leverkusen 33,2 km/h, schneller jeder deutsche Feldspieler der Saison. El Mala zog in der Champions League drei Gegenspieler auf die Tribune. Beide könnten mit, doch der Platz ist eng. Nagelsmann plant mit maximal zwei Reins, nicht mit drei.

Die torwart-frage wird zur viererkonstellation
Neuer als Nummer eins, Baumann als Zwei – das war gestern. Jetzt schiebt der Verband durch, dass sogar vier Schlussmänner mitfliegen könnten. Jonas Urbig (20) und Alexander Nübel (27) sind im Koffer. Die FIFA erlaubt 26 Köpfe, nicht 23. Die Rechnung: Lieber ein Keeper zu viel als ein Ausfall zu wenig. Oliver Kahn findet den Zeitpunkt „abenteuerlich“, was beim DFB so viel heißt wie: „Ich würde es nicht machen, aber ich bin auch nicht mehr gefragt.“
Die Mediziner sind alarmiert. Neuer trainierte Dienstag nur 45 Minuten, dann wieder Eisbeutel. Die Wadenverhärtung ist stubborn, wie die Engländer sagen. Wenn er am Samstag im Pokalfinale nicht steht, fliegt trotzdem. Nagelsmann nimmt das Risiko in Kauf, weil er das größere fürchtet: ein Elfmeterschießen ohne Neuer.

Letzte telefonate, letzte tränen
62 Anrufe stehen auf der Liste. Jeder Spieler bekommt seine 180 Sekunden, manche nur die Absage. „Es gibt keine Grüßonkel“, betont Nagelsmann. Wer nur für die Kabine mitkommt, bleibt daheim. Die 50:50-Entscheidungen sind erledigt, die 51:49 beginnen jetzt. Um 13:01 Uhr verlässt der Bundestrainer den Raum, das Puzzle ist komplett – bis zum ersten Muskelbündelriss.
