Nagelsmann und tuchel: fotografenwände blockieren bei hymnen den blick

Julian Nagelsmann stand auf dem Rasen des BMO Field in Toronto, starrte vor sich hin – und sah nichts. 50 Kameralinsen blockierten seine Sichtlinie, als die Nationalhymne ertönte. „Das Superrohr fotografiert mir die Nasenhaare“, spuckte er nach dem 2:1 gegen die Elfenbeinküste aus. Die Wut des Bundestrainers ist nachvollziehbar. Er wollte seine Spieler sehen. Stattdessen starrte er in eine schwarze Mauer aus Objektiven.

Tuchel hatte schon vorher gewarnt

Nur zwei Tage zuvor hatte Thomas Tuchel dasselbe Problem. Beim englischen Auftaktsieg gegen Kroatien stand der Teammanager 40 Zentimeter vor der Fotografenwand und konnte keinen einzigen Spieler erkennen. „Ganz, ganz besonderer Moment, komplett ruiniert“, schimpfte er. Seine Bitte an die FIFA klang fast flehentlich: „Stellt die Kameras weiter weg. Lasst uns zumindest die Gesichter unserer Spieler sehen.“

Die FIFA reagierte – zumindest auf dem Papier. Ein internes Memo versprach: Fotografen sollen zur Mittellinie rücken, damit Trainer und Spieler sich während der Hymne noch in die Augen schauen können. Am Samstag in Toronto? Fehlanzeige. Die Kameras standen wieder an derselben Stelle. Nagelsmann schüttelte nur den Kopf. „Da gibt es bessere Lösungen“, knurrte er. „Wir müssen doch während der Hymne mit den Spielern kommunizieren können.“

Die technische lösung liegt auf der hand

Die technische lösung liegt auf der hand

Moderne Stadien verfügen über 360-Grad-Kamerakraniche und Drohnen, die jeden Winkel abdecken. Trotzdem pressen FIFA-Mitarbeiter die Pressefotografen bis auf Armlänge an die Trainerbänke. Das Ergebnis: Bilder, die niemand braucht – extreme Nahaufnahmen von schwitzenden Nasenflügeln, aber keine emotionalen Totalen, die die Verbundenheit zwischen Trainer und Spieler zeigen.

Die Spieler selbst äußern sich bisher zurückhaltend. Dennoch sickert durch, dass sich in der Kabine bereits Unmut breitmacht. „Wir schauen uns an und sehen nur Kameramänner“, zitiert ein Betreuer einen Nationalspieler. „Das zerstört die Atmosphäre.“

FIFA-Generalsekretär Mattias Grafström wurde am Sonntagabend in Toronto um Stellungnahme gebeten. Er blieb stumm. Die nächste DFB-Partie findet am Mittwoch in Philadelphia statt. Noch ist Zeit, die Kameras um zehn Meter zu verschieben. Zehn Meter reichen, um wieder Fußball zu sehen. Zehn Meter könnten den Unterschied ausmachen zwischen einem zeremoniellen Akt und einem echten emotionalen Moment. Falls die FIFA nicht handelt, wird Nagelsmann wohl wieder nur Nasenhaare im Sucher haben.