Nadine fähndrich verabschiedet sich mit kampf und tränen – doch ein letztes kapitel folgt

Sie spurtete über die Zielgerade von Lake Placid, atmete tief durch, dann brach es aus ihr heraus: Tränen statt Medaille. Der vierte Platz im letzten Weltcup-Rennen der Saison markiert nicht nur das Karriere-Aus von Nadine Fähndrich, sondern auch den emotionalsten Moment ihrer Laufbahn. Die 30-Jährige verließ die Loipe als Vierte – und als Siegerin gegen sich selbst.

Die bilanz einer, die nie auf die leichte tour wollte

Kein Podest, aber ein Pulsschlag bei 178. Fähndrich jagte bis zur letzten Meter die Spitzengruppe, verpasste die Medaille um 1,3 Sekunden. Für eine Athletin, die sich stets durch Aufwand definierte, war das ein typisches Finale: an der Grenze, mit Herz, aber eben auch mit dem bissigen Nachgeschmack, dass nicht alle Träume Farbe bekommen. „Ich wollte noch einmal alles abrufen, einfach um zu spüren, dass ich es kann“, sagte sie nach dem Zielstrich, die Stimme rau vom kalten Wind und der Erkenntnis, dass dies der letzte Weltcup-Einsatz war.

Die Statistik wird sie trotzdem ehren: 134 Weltcup-Starts, sechs Podestplätze, zweimal Top-Ten in der Gesamtwertung. Zahlen, die in der Langlauf-Welt nur wenige Schweizerinnen jemals erreichten. Doch die wahre Meisterleistung steckt in der Konstanz. Denn Fähndrich lief in zehn Jahren nur zweimal wegen Verletzungen länger als einen Monat pausieren – ein Wert, der selbst bei den scheinbar unverwüstlichen Skandinavierinnen Seltenheitswert hat.

Zwischen abschied und aufbruch herrscht ein seltsames vakuum

Zwischen abschied und aufbruch herrscht ein seltsames vakuum

Wer erwartet, dass eine Sportlerin nach dem letzten Rennen sofort weiß, was Sache ist, kennt die Kopfmechanik von Leistungsträgerinnen nicht. Fähndrich schwankt zwischen Erleichterung und Leere. „Ich habe Ideen, aber noch keine Pläne“, sagt sie und meint damit nichts weniger als eine Kampfansage an die eigene Zukunft. Coaching? TV-Expertin? Oder doch einfach erst mal drei Wochen am Stück ausschlafen? Die Antwort liegt irgendwo zwischen dem Hotelzimmer in Lake Placid und dem Schweizer Mittelland, wo sie bald wieder aufwachen wird, ohne Weckruf um 6.15 Uhr.

Die Verbandsgremien schielen bereits auf sie. Swiss-Ski-Chef Jürg Capol ließ durchblicken, man wolle Fähndrich „auf keinen Fall verlieren“. Der Verband braucht Profis, die die Nachwuchsmädchen vorzeigbar machen, die erklären, warum sich Schlepparbeit in der Loipe irgendwann in Podestplätze verwandelt. Fähndrich sagt, sie wolle „dem Sport erhalten bleiben“. Das klingt nach Mentorinnenrolle, nach Camps, nach Reden in Schulturnhallen. Aber auch nach dem Wunsch, endlich mal selbst das Tempo zu bestimmen.

Die letzte fahrt geht nach les diablerets – und das ist mehr als ein epilog

Die letzte fahrt geht nach les diablerets – und das ist mehr als ein epilog

Ende März steht sie noch einmal im Startblock der Schweizer Meisterschaften. Für viele ein Freundschaftsspiel, für Fähndrich ein Kapitel, das sie unbedingt selbst schreiben will. „Ich will meiner Heimat noch einmal zeigen, wofür ich stehe“, sagt sie. Die Strecke in Les Diablerets liegt 1.150 Meter über dem Meeresspiegel, genau auf der Höhe, auf der sie ihre ersten Skating-Schritte machte. Ein Kreis, der sich schließt – vielleicht nicht perfekt, aber rund genug, um weiterzurennen, auch wenn die Uhr danach endgültig stoppt.

Die Langlauf-Saison ist vorbei, die Nadine-Fähndrich-Ära ebenfalls. Doch wer glaubt, sie würde einfach verblassen, irrt. In Lake Placid blieb eine Spur von Schneekristallen, die wie Funken aussahen. Und manchmal reicht ein Funke, um ein ganzes Feuerwerk zu entzünden – auch jenseits der Loipe.