Nach 28 jahren wm-sehnsucht: österreichs team zieht ins ritz-carlton an den pazifik
Am 17. Juni um 6 Uhr MEZ rollt der Ball in Kansas City – und mit ihm die österreichische Fußball-Nation aus dem Dornröschenschlaf. 100 Tage vor dem ersten WM-Auftritt seit 1998 haben die Verantwortlichen des ÖFB das letzte Puzzle-Stück gelegt: Santa Barbara wird zur Kulisse, das Ritz-Carlton Bacara zum Stützpunkt, und Ralf Rangnick zum Regisseur eines Märchens, das längst über den Sport hinausreicht.
Marbella, ghana, südkorea – und dann kalifornien
Die Route ist ein Drehbuch aus Vorbereitung und Symbolik. Am 23. März sammelt Rangnick seine Auswahl im sonnigen Marbella, zwei Länderspiele gegen Ghana und Südkorea folgen im Happel-Stadion – und zwischen den Terminen betreten die Spieler erstmals den neuen ÖFB-Campus in Wien-Aspern. Dort, wo einst Jugendliche trainierten, werden nun Profis geschmiedet, die nie ein WM-Tor schossen, aber jede Menge Nachholbedarf haben.
Die Kader-Nominierung am 16. März dürfte für zwei Namen sorgen, die bislang nur in Gerüchten existieren: Carney Chukwuemeka und Paul Wanner. Der eine in Dortmund groß geworden, der andere in München entdeckt – beide stehen vor der Entscheidung, ob sie ihre Karrieren in Rot-Weiß-Rot fortsetzen. Für Rangnick wären sie nicht nur Verstärkung, sondern auch ein Signal: Österreich wirbt künftig mit Emotion statt mit Erbschaft.

35 Bis 55 kandidaten für 23 plätze – und ein vertrag hängt in der schwebe
Bis zum 11. Mai muss der ÖFB der FIFA eine Liste mit 35 bis 55 Spielern senden. Dahinter steckt ein Kalkül: Verletzungen, Formtiefs, Transferpoker – alles kann passieren. Besonders bei Torhütern, wo bis zum Turnierende nachnominiert werden darf. Doch nicht nur die Spieler buhlen um ihren Platz, auch Rangnick selbst steht vor einer Zerreißprobe. Sein Vertrag läuft nach der WM aus, doch beide Seiten wollen Klarheit vor dem Flug nach Los Angeles. Eine vorzeitige Verlängerung wäre das Bekenntnis zu einem Projekt, das 28 Jahre auf sich warten ließ.
Am 1. Juni fällt die endgültige Entscheidung. Im Wiener Prater testet Österreich gegen Tunesien, danach zwei Tage frei – bevor es in den Flieger Richtung Westküste geht. In Goleta, nur einen Steinwurf von Santa Barbara entfernt, wartet das Ritz-Carlton Bacara, ein Fünf-Sterne-Resort direkt am Pazifik. Trainiert wird auf dem Campus der University of California Santa Barbara, wo Palmen sticht und die Sehnsucht nach Zuhause erst richtig beginnt.

Generalprobe in l.a. – und die angst vor dem gruppenzweiten
Ein letztes Testspiel steht noch aus, Mitte Juni im Großraum Los Angeles. Gegner? Unbekannt. Vermutung: Mittel- oder Südamerika, vielleicht Afrika. Die FIFA organisiert die Charter, das ÖFB-Organisationsteam reist mit Touristenvisum. Doch hinter den Kulissen arbeitet eine Delegation um Geschäftsführer Bernhard Neuhold schon jetzt am Limit: „Die geografische Distanz plus Zeitverschiebung ist eine neue Dimension“, sagt er. Wer als Gruppenzweiter das Achtelfinale in L.A. bestreitet, kehrt ins Ritz-Carlton zurück – ein Luxus, der auch eine Falle sein kann.
Am 28. Juni um 4 Uhr MEZ steht dann Algerien auf dem Programm. Vielleicht schon das Aus, vielleicht der Sprung ins Achtelfinale. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Österreich hat die WM nicht nur erreicht, sondern sich auch neu erfunden. Und wenn Rangnick mit seinem Team am Pazifik trainiert, wird ein ganzen Land daran erinnert, dass 28 Jahre Warten nicht nur eine Zahl sind – sondern eine Geschichte, die endlich weitererzählt wird.
