Nach 18 jahren bricht ex-schiedsrichterbeauftragter sein schweigen

Leonardo Meani spricht erstmals über die zwei Jahre Sperre wegen der Calciopoli-Affäre und verspottet die Justiz: „Die Abhörprotokolle waren aus dem Kontext gerissen – ich scherze eben gern.“

„Das streichholz blieb in meiner hand“

Mailand – 18 Jahre nach dem größten Schiedsrichterskandal Italiens wagt Leonardo Meani den Schritt aus dem Schatten. Der frühere Schiedsrichterbeauftragte des AC Milan erhielt 2006 eine zweieinhalbjährige Sperre, weil er versucht haben soll, Unparteiische zu beeinflussen. Nun meldet sich der 64-Jährige in einem Interview mit der „Gazzetta dello Sportzurück – und liefert eine Version, die alte Wunden aufreißt.

„Ich habe nie Bestechungsgelder angeboten, nie Wünsche formuliert“, betont Meani. „Aber wenn man meine Telefonate liest, ohne zu wissen, dass ich ständig flachse, wirkt das natürlich brisant.“ Die Tonbänder, so seine Lesart, seien „entkontextualisiert“ worden. Ein Beispiel: „Ich sagte ‚Der Schiri soll schön pfeifen‘ – und meinte damit, er solle aufpassen, nicht dass er sich erkältet. Das war Wortspielerei unter Freunden.“

Die Sportgerichte sahen das anders. Sie sprachen von „relevanten Indizien“ für einen strukturierten Einfluss und verhängten die Sperre, die Meani aus dem Geschäft katapultierte. Seitdem führt er das Restaurant „Isola Caprera“ in Lodi – dienstags und mittwochs geschlossen, weil da Champions-League-Spiele laufen. „Der Fußball ist mein Leben, aber er hat mir auch alles genommen“, sagt er.

Kein kontakt mehr zum klub

Kein kontakt mehr zum klub

Mit dem AC Milan, für den er einst die Schiedsrichter betreute, hat Meani seit 2006 kein offizielles Bündnis mehr. „Ich habe Adriano Galliani zufällig getroffen, Ramaccioni kam einmal essen. Das war’s“, erzählt er. „Kakà feierte hier seine Verlobung, Ancelotti sang mit den Spielern bis drei Uhr morgens. Heute ist das nur noch Erinnerung.“

Ob er sich als Sündenbock fühlt? „Stellen Sie sich das Streichholz-Spiel vor: Am Ende bleibt es in der Hand des Letzten. Ich war der Letzte“, antwortet er. „Der Verein sagte damals, ich hätte eigenmächtig gehandelt. Vielleicht war ich unvorsichtig. Aber ein System wie bei Juve in den 90ern gab es beim Milan nie.“

Reform statt rache

Reform statt rache

Meani nutzt die Öffentlichkeit nicht für Rache, sondern für Reformideen. „Schiedsrichter brauchen ein Festgehalt, keine Spielprämie. Wer nur pro Einsatz bezahlt wird, entwickelt Dankbarkeit gegenüber dem Designator“, fordert er. „Und der Präsident der Schiedsrichtervereinigung sollte vom Bundesrat ernannt, nicht von den Kollegen gewählt werden – so entsteht Unabhängigkeit.“

Sein radikalster Vorschlag: „Abschaffung der Linienrichter. Eine Kamera auf Schiene entscheidet Abseits in Echtzeit, ohne menschliches Zögern.“ Für seine alte Funktion als Schiedsrichterbetreuer hat er kein Mitleid: „Einen ‚Arbitraggiere‘ braucht niemand. Ein neutraler FIGC-Delegierter reicht.“

Die Sperre ist längst abgeurteilt, die Karriere beendet. Dennoch blickt Meani nicht zurück, sondern nach vorn – auf eine neue Generation von Unparteiischen, die seine Lektionen hoffentlich nicht wiederholen muss. „Der Fußball verzeiht vieles, aber er vergisst nichts. Das habe ich am eigenen Leib erfahren.“