Mutter-daughter-duell: olympx2 trifft auf bocconi-absolventin
„Ich habe meine Mimmer geschrien, sie hat mich geschrien – und irgendwann haben wir beide gewonnen.“ So lautet die Kurzfassung des Dialogs, den die Olympiazweifach-Gold-Medaillengewinnerin Diana Bianchedi und ihre Tochter Giulia Amore am Montagabend in der Aula Magna der Bocconi liefern. Thema: Studium und Spitzensport – ein Balanceakt, der in Italien immer noch als Exot gilt.
Von der scherma zum datenpionier
Die 22-jährige Giulia hat gerade ihren Bachelor in „Economics, Management and Computer Science“ gemacht, trainiert weiterhin im Floret und will 2028 in Los Angeles starten. Ihre Mutter holte 1992 und 2000 Team-Gold, promovierte nebenher in Medizin und ist heute Vizepräsidentin des CONI. „Wir haben uns früher angebrüllt, weil beide Alphatiere“, sagt Giulia. „Heute schicken wir uns Excel-Tabellen mit Trainingsdaten.“
Die Bocconi-Veranstaltung „Pact4Future 2026“, gemeinsam mit dem Corriere della Sera kuratiert, stellte die beiden Frauen ins Zentrum eines Panels mit dem Titel „Zeit trainieren. Disziplin, Vertrauen, Staffelstabwechsel“. Die Pointe: Wer in Italien erfolgreich studieren und gleichzeitig Weltklasse-Sport treiben will, braucht nicht nur Disziplin, sondern eine private Infrastruktur aus Familie, Mentoren und Tech-Tools.
Diana erinnert sich an ihre Schulzeit in den 90ern: „Man sagte mir: Entweder lernen oder fechten. Ich wechselte die Schule und studierte Medizin.“ Giulia kontert mit dem Luxus der Gegenwart: „Meine Athletik-Trainerin sitzt in Rom, ich in Pisa. Wir trainieren per Video, Osteopathie und Mental-Coach sind Standard. Das Risiko: Man verliert den Fokus, weil alles rundum glatt läuft.“

Der preis der verfügbarkeit
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut CONI-Statistik brechen 67 % der italienischen Junioren-Nationalkader vor dem Universitätsabschluss ab. Die Hauptursache: fehlende Anrechnung von Trainingszeiten als Credit-Punkte. „Wir sind noch weit von einem echten Dual-Career-System entfernt“, raunt Bianchedi. „Die neuen Tools helfen, aber sie überdecken nicht die Lücke zwischen Schulgesetz und Sportförderung.“
Giulia hat sich für das staatliche Sportgymnasium entschieden, später für die Bocconi, weil beide Institute flexible Prüfungstermine anbieten. „Ich lernte mitten auf Turnierzimmerböden, mit Hörsaal-Aufzeichnungen im Ohr. Die Jury fragte nach meiner Abschlussarbeit, während ich in der Hitze von Cairo fechtete. Das ist kein romantisches Instagram-Motiv, das ist Realität.“
Ein Detail bleibt hängen: Als Diana 2000 in Sydney Gold holte, saß Giulia als Baby auf dem Schoß ihres Vaters – selbst Ex-Europameister Gianmarco Amore. 24 Jahre später trägt die Tochter nun die Amore-Bianchedi-Fahne weiter. Ihr Ziel: Big-Data-Modelle für Fechtanalysen entwickeln und dabei selbst 2028 um Edelmetall kämpfen. „Mein Limit ist nicht die Medaille, sondern die Geschwindigkeit, mit der ich meine eigenen Daten decodieren kann.“
Die Veranstaltung endet nicht mit Applaus, sondern mit einer Excel-Tabelle, die Giulia per AirDrop an zwölf Nachwuchsathleten schickt. Darin: Schlafphasen, VO2-Max-Kurven, ECTS-Kalkulator. Kein Pathos, nur Zahlen. Das ist der neue italienische Traum: Sieg auf der Piste, Sieg im Algorithmus. Und eine Mutter, die weiß: „Wenn wir nicht bald alle Schulen öffnen, verlieren wir die nächste Generation vor der ersten Vorlesung.“
