Mt melsungen kämpft nach sexueller attacke im rothenbach zurück
Er war erst wenige Minuten nach dem Abpfiff, da griff er zu. Ein Vardar-Anhänger belästigte eine Zuschauerin direkt neben der Gästebank, die Rothenbach-Halle schluckte den Schrei. Jetzt sucht MT Melsungen mit Hilfe der Fans den Täter – und schlägt den Zeigefinger in die Wunde des europäischen Handballs.
Der vorfall, der niemandem passieren durfte
Der Europapokal-Ausflug gegen Skopje war für die MT bereits sportlich ein Desaster (25:34), doch das 18. März markiert den Tag, an dem der Klub die Niederlage zur Nebensache erklärt. „Eine Zuschauerin wurde von einem Skopje-Fan begrapscht“, heißt es in der Mitteilung, die um 09:37 Uhr die Pressemail flutete. Der Übergriff ereignete sich laut Verein in jenem Seitenkorridor, den Spieler sonst für Autogramme nutzen – diesmal wurde dort Grenzüberschreitung zum Normalfall.
Andreas Mohr, Vorstand der MT, spricht von einem „Schockzustand, der Minuten nach dem Spiel einsetzte und bei der Betroffenen tagelang anhielt“. Er wählt das Wort „Begrapscht“ bewusst, weil es das Gegenteil von Tabu ist. Denn genau das will der Traditionsclub aus Hessen verhindern: dass der Vorfall in der Statistik versickert, die Seriosität des Sports aber bleibt.

Zeugen gesucht – und ein system gefordert
Die MT bittet jetzt alle Stadiongäste um Hinweise. Wer war im Block 4? Wer filmte den Jubel der Mazedonier und erwischte dabei den Täter mit in die Kamera? Die Sicherheitsleitung hat bereits Kamerasichtungen angeordnet, doch Pixel allein fassen keine Hände. Mohr: „Wer Grenzen überschreitet, hat in unserer Halle nichts verloren – das gilt für Pyro ebenso wie für sexuelle Gewalt.“
Der Verein koppelt die Forderung nach Zeugen an eine Kampfansage an die Europäische Handball Föderation. Denn während die MT intern sofort Präventionsketten aktivierte, fehlt auf europäischer Ebene ein standardisierter Umgang mit sexualisierter Gewalt. „Wir sind bereit, unser Konzept aus Sicherheitskräften, Sozialarbeit und Fan-Projekten mit der EHF zu teilen“, so Mohr. Kein Appell, sondern eine Drohkulisse: Wer sich weigert, fliegt aus dem Bewerb.

Die kehrseite des fair-play-mythos
Handball gilt als Kuschel-Sport, die Quote an Gewaltdelikten liegt unter der von Fußball oder Basketball. Genau deshalb trifft der Fall Melsungen die Szene mit voller Wucht. Die MT hatte erst im Februar ihre Kampagne „Handball ist bunt“ gestartet – jetzt wird klar, dass Regenbogenbinde und Vielfaltsflyer allein keine Hände stoppen.
Die Zahler der Rothenbach-Halle sprechen Bände: 4.100 Zuschauer am 10. März, 62 Ordner im Einsatz, keine einzige Anzeige wegen Körperverletzung – und dennoch ein Trauma. Die MT verlor das Spiel mit neun Toren, rutscht in die Playoffs, während Skopje als Gruppensieger direkt im Viertelfinale steht. Doch die sportliche Bilanz ist Makulatur, wenn Sicherheit zur Glückssache wird.
Die MT Melsungen hat angezeigt, die Ermittlungen laufen. Wer Informationen hat, kann sich an das Sicherheitsteam wenden – oder schweigen und damit riskieren, dass der nächste Jubel schon wieder mit grabbenden Händen endet. Die Halle ist wieder offen, das Spiel geht weiter. Aber das nächste Mal wird nicht nur der Ball im Fokus stehen, sondern jeder einzelne Griff.
