Milano feiert 100 jahre italienisches basketball-debüt
Am Oster-Sonntag 1926 war es einfach nur ein Sandplatz am Stadtrand von Mailand. Heute, hundert Jahre später, wurde aus dem Piazzale Accursio ein Freiluft-Tempel der Squadra Azzurra. Um Punkt 14.15 Uhr – exakt zur Stunde des ersten Sprungballs – enthüllte die Stadt eine Gedenkstele und schickte damit die Basketball-Nation auf Zeitreise.
Der erste korb, der alles in bewegung setzte
Carlo Canevini war damals 23 und traf neun Mal. Sein Sohn Gianni hielt am Dienstag die alte Spielunterlage hoch, als wäre sie ein Bündel Dynamit. 23:17 hieß es gegen Frankreich – drei Punkte mehr als Frankreichs komplette Mannschaft. Drei Punkte, die Italiens 1.568 Länderspiele auslösten.
„Ich habe meinem Vater nie viel entlocken können“, sagte der 88-Jährige. „Er spielte, weil er sich bewegen wollte, nicht weil er Geschichte schreiben wollte.“ Geschichte schrieb er trotzdem. Denn mit jedem Korb schob er den Ball ein Stück aus dem Bürgerkrieg in die Moderne. Die Uniform: weiß mit Savoyen-Wappen. Das Spielfeld: ein ehemaliges Schießstandsgelände. Die Regeln: dreimal Angriff, zweimal Verteidigung – Basketball im 2-3-System, erdacht von Lehrer Marco Muggiani, Bruder des Inter-Gründers.

Legenden kehren zurück, und die zukunft wartet schon
Sandro Gamba, 93, kam im Rollstuhl, aber mit verbissenem Blick. 277 Länderspiele stehen hinter Pierluigi Marzorati, Silber von Moskau, Gold von Nantes. Beide schüttelten sich die Hände, als hätten sie gestern noch im Duo gespielt. Dazwischen: Fausto Maifredi, Präsident des Verbandes, der die letzten Medaillen holte. Drei Generationen, ein einziger Gedanke: „Basketball ist unsere Sprache, wenn die Worte fehlen.“
Die Stadt selbst spricht neu. Wo einst Alfa-Romeo-Motoren röhrten, entsteht das neue US-Konsulat. Wo Muggiani das Trikot zog, steht heute der Wolkenkratzer Palazzo Lombardia, 39. Stock. Dort eröffnet am Freitag die Wanderausstellung „RipartiAmo Basket“ – 13 Stelen für die 13 ursprünglichen Naismith-Regeln, mit Foto-Leinwänden, original Trikots, einem begehbaren Korb. Ein Museum? Fast. Ein Statement? Auf jeden Fall.

Der questore und das versprechen
Bruno Megale, Mailands Polizeipräfekt, trat ans Mikrofon, ohne Rede, nur mit Handschuhen. „Sport verbindet, wo Mauern trennen“, sagte er und deutete auf den neuen Court im Viertel. „Wenn wir hier investieren, investieren wir in Identität.“ Die Kids, die direkt hinter ihm 3-gegen-3 starteten, checkten sofort den Sound: kein Klackern von Absätzen, nur das rhythmische Klopfen von Leder auf Asphalt.
Die Bilanz des Tages: 100 Jahre, 1.568 Spiele, 17 EM-Medaillen, zwei Olympia-Silber. Und eine Erkenntnis: Geschichte ist kein Relikt, sie ist ein liveticker, der weiterscrollt. Die nächste Seite steht bereit: in einer Woche rollt der Ball in der Quali gegen Georgien. Wer weiß, vielleicht schreibt dort schon wieder ein 23-Jähriger die erste Zeile der nächsten 100 Jahre.
