Mcgrath zittert sich zur kristallkugel – braathen schenkt tränen statt triumph

Atle Lie McGrath stand am Ziel seiner Nerven. 41 Punkte Vorsprung, schlaflos, nur zwei Waffeln und eine Cola im Magen – und trotzdem hält er am Ende die kleine Kristallkugel. Der Norweger gewinnt das Slalom-Finale in Lillehammer, weil sein bester Konkurrent und bester Freund Lucas Pinheiro Braathen früh ins Aus schneidet. Die Bilder der beiden im Zielraum gehen um die Welt: Braathen umarmt McGrath, Tränen statt Trophäen.

Der moment, als das kalkül zerbrach

McGrath fuhr im zweiten Lauf nur Rang 18 – 16 Fahrer waren schneller. Die Kugel schwebte auf einem Seidenfaden. Dann rutscht Braathen in der Steilwand weg, richtet sich auf, schüttelt ab. Sekunden später brüllt McGrath seine Erlösung in den norwegischen Nachmittag. «Lucas hat mir die größte Umarmung meines Lebens gegeben», sagt er mit roten Augen. «Er meinte: Du hättest das nie so gefühlt, wenn du nicht durch die Hölle gegangen wärst.»

Die Hölle begann in der Eroffnungszeremonie von Peking. McGraths Großvater stirbt, zehn Tage später patzt der Slalom-Favorit als Halbzeitführer. McGrath verschwindet im Wald, Fotografen ziehen die Einsamkeit nach. Heute lacht er darüber: «Ich klebe ein Gesicht auf die Kugel und rede mit ihr, wenn ich alleine bin.»

Zwei waffeln, null schlaf, voller pokal

Zwei waffeln, null schlaf, voller pokal

McGrath hatte den Kurs gemieden: langsame Kanten, weicher Schnee. «Als ich die Strecke sah, dachte ich: keine Chance.» Seine Frau musste ihm das Frühstück einpacken, das er nicht runterbrachte. Zwischen den Läufen stopfte er sich zwei Waffeln mit Marmelade und eine warme Cola rein. «Mein Magen war ein Knoten, mein Kopf ein Wirbelsturm.»

Braathen dagegen schien im Flow. Der Brasilianer im norwegischen Team fuhr mit Startnummer 1, riss früh ein Tor aus, verabschiedet sich mit einer Handbewegung. Statt Frust gibt es Applaus. «Ich bin einfach nur stolz», sagt er. «Atle hat es nach Hause gebracht. Er war der Beste – und er hat es sich verdient.»

Die Statistik spricht eine klare Sprache: McGrath holt 535 Slalom-Punkte, 18 mehr als Braathen. Drei Siege, drei zweite Plätze, ein dritter Rang – und ein Happy End, das kein Drehbuch besser schreiben könnte.

Vom wald in die geschichtsbücher

Vom wald in die geschichtsbücher

Nach der Siegerehrung schlendert McGrath mit der Kristallkugel unter dem Arm zum Mixed-Zone-Mikrofon. «Die schlimmsten und besten Tage meines Lebens – in einer Saison. Heute ist definitiv der beste.» Dann verschwindet er Richtung Teambus. Die Kugel blitzt in der Abendsonne, als wäre sie lebendig. Und vielleicht ist sie das ja auch: ein Reisegefährte, der weiß, dass der Weg zum Gipfel manchmal über den Waldboden führt.