Mainz jongliert mit ruhm und abstieg: 1,3 millionen und das große wackeln
Der 1. FSV Mainz 05 hat Geschichte geschrieben – und schon wieder den Aktenkoffer gepackt. Europapokal-Viertelfinale, 1,3 Millionen Euro Prämie, 14 Millionen Gesamtkasse. Doch am Sonntag um 15.30 Uhr droht dieselbe Saison zur Existenzfrage zu werden. Ein Nachbarschaftsduell gegen Eintracht Frankfurt, drei Punkte Vorsprung auf Relegationsrang 16. Das ist ke Programm, das ist ein Balanceakt auf dem Abgrund.
Posch trifft, posch zittert
Stefan Posch, Winter-Leihgabe aus Como, wurde gegen Sigma Olmütz zum „Dosenöffner“. Sein Kopfball nach der Pause spülte die Tschechen aus dem Wettbewerb. 28 Jahre alt, erstes Europapokal-Spiel für Mainz, erste große Szene – und schon steht er vor der Frage, ob er im Sommer bleiben darf. Keine Kaufoption, sagt der Vertrag. „Es liegt nicht immer nur am Spieler“, sagt Posch und schiebt den Ball zurück in die Chefetage. Er will sprechen, nicht betteln. Acht Wochen ist er da, die restliche Saison sein Bewerbungsgespräch.
Trainer Urs Fischer, sonst eher ein Mann für nüchterne Töne, wählte nach dem Olmütz-Sieg das Wort „Überleben“. Das sagt alles über den Gegner Frankfurt: kein Pokalspiel, kein Europa-Trubel, dafür eine Woche volle Kanne Bundesliga. Mainz muss umschalten, sonst schaltet die Liga sie aus.

Strasburg winkt, leipzig lockt
Am 9. April empfängt Mainz Racing Straßburg, Tabellenführer der französischen Ligue 2, aber nur mit Mühe ins Viertelfinale gekommen. Das Rückspiel eine Woche später im Elsass. Endstation Leipzig, 27. Mai. Dort steht ein Pokal, hier droht ein Abstieg. Ein Verein, zwei Zeitzonen: Europa-Leben und Bundesliga-Tod liegen nur 72 Stunden auseinander.
Christian Heidel rechnet laut vor: acht Millionen Plus durch die Conference League. Ein Satz, der im Sommer neue Spieler bedeutet – vorausgesetzt, die Liga wirft sie nicht raus. Die Kasse ist prall, die Nerven blank. Frankfurt kommt mit der Rabatte-Mannschaft, mit Hinteregger-Block und Knauff-Dampf. Werder Bremen wurde geschlagen, aber Mainz hat noch acht Endspiele, nicht nur eins.
Die Fans feierten gegen Olmütz ihre Choreo, riesige Leinwände, gelb-roter Kakophonie. Die Spieler klatschten ab, dann ging’s in die Kabine. Dort hing eine Tafel mit der Aufstellung für Frankfurt. Europa ist schön, erstmal muss der Schalter umgelegt werden. Posch steht wieder in der Luft, Kopfball-Zone, diesmal gegen Muani und Kolo Muani. Die 1,3 Millionen sind auf dem Konto, die drei Punkte noch in der Wolkengarage.
Mainz kann Geschichte schreiben oder Geschichte korrigieren. Straßburg winkt, Leipzig lockt – aber unten wartet die Relegation. Wer den Balanceakt versteht, versteht den Fußball 2023.
