Mafia-topboss santapaola stirbt im gefängniskrankenhaus – ein kapitel italiens dunkelster jahre schließt sich
Benedetto „Nitto“ Santapaola ist tot. Der Mann, der 1992 die Mordkommandos gegen die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino schickte, erlag am Montag im Krankenhaus San Paolo in Mailand einer Lungenembolie. Er war 87 Jahre alt, seit 31 Jahren in Haft – und bis zuletzt das Gesicht der Cosa Nostra aus Catania.
Die letzten tage im 41-bis-regime
Am 25. Februar wurde Santapaola aus dem Hochsicherheitsgefängnis Opera eingeliefert. Drei Tage später lag er beatmet auf der Intensivstation. Die Behörden lehnten ein Ansuchen auf Hausarrest ab – Corona-Risiko hin oder her. Wer einmal die Capaci- und Via-d’Amelio-Bombe bestellt hat, darf nicht einmal sterben dürfen, lautete die Begründung. Ein letztes Mal machte der Staat dem Paten klar: Du gehörst uns.
Sein Lebenslauf liest sich wie ein Lehrbuch der italienischen Mordgeschichte. 1978 räumte er mit einem Karabinieri-Sturmgewehr den Clanchef Giuseppe Calderone aus dem Weg. Danach übernahm er das Ruder in Catania – und schloss sofort Pakt mit Toto Riina. Die Corleoneser lieferten das Dynamit, Santapaola lieferte die Logistik. Das Ergebnis waren 23 Tote in zwei Sommermonaten, ein Land im Ausnahmezustand und ein Jahrhundertprozess, der 700 Anklageseiten füllte.
Warum sein tod jetzt noch wichtig ist
Mit Santapaola verschwindet der letzte Zeuge, der über die Hintermänner der Attentate hätte aussagen können. Die DNA der Sprengsätze ist verjährt, die Akten verstauben. Doch die Methoden bleiben: Dieselben Netzwerke, die 1992 zwei Richter in die Luft jagten, kontrollieren heute die Containerterminals in Gioia Tauro und die Windparks vor der sizilianischen Küste. Wer die ›ndrangheta bei den Milliarden-Ausschreibungen der Energiewende sucht, findet Spuren, die bis nach Catania führen.
Die Wärter im Gefängnis Opera berichten, Santapaola habe in letzter Zeit oft von „la linea“ gesprochen – jener roten Linie, die einst auch Riina zog: Richter, Staatsanwälte, Journalisten. Alle, die das System stören, müssen weg. Ein Satz, den er bis zum Schluss wiederholte, als sei er ein Gebet. Jetzt, da er tot ist, wird das Mantra lauter: Die Bombe ist weg, die Bombe bleibt.
Die italienische Justiz verbucht 2.837 Mafiatote seit 1982. Santapaolas Name steht für 19 davon. Die Statistik wird nicht kleiner, nur die Namen älter. Und irgendwo in den Hinterzimmern von Catania sitzt bereits der Nachfolger und liest die Todesanzeige – nicht als Nachruf, sondern als Stellenanzeige.
