Lüttich-bastogne-lüttich: eiskalte dramen, kuriose momente und hinaults solo für die ewigkeit

Die „Doyenne“ des Radsports feiert Jubiläum – und blickt zurück auf eine bewegte Geschichte voller extremer Bedingungen, unglücklicher Unfälle und legendärer Siege. Von Bernard Hinaults frostigem Triumph 1980 bis zu den fragwürdigen Dealings um Alexander Winokurow, Lüttich-Bastogne-Lüttich ist mehr als nur ein Rennen. Es ist ein Spiegelbild des Radsports, seiner Höhen und Tiefen.

1980: Ein rennen im eis

Wer das Rennen 1980 miterlebt hat, wird es nie vergessen. Schneefall, eiskalte Temperaturen – die Bedingungen waren unerträglich. Fahrer flüchteten in Cafés, kämpften mit starrenden Fingern und eisiger Kälte. Bernhard Hinault, der später mit fast zehn Minuten Vorsprung gewinnen sollte, überlegte kurz, aufzugeben. Doch ein Teamkollege trieb ihn weiter, und so begann ein Solo durch die verschneiten Ardennen, das bis heute in den Annalen des Radsports gefeiert wird. Hennie Kuiper kam als Zweiter an – und fand fast niemanden mehr im Zielbereich vor. Ein Rennen, das die extreme Belastbarkeit der Fahrer demonstrierte.

Die baustelle, die alles veränderte

Die baustelle, die alles veränderte

1988 sorgte eine ungesicherte Baustelle für einen Massensturz. Ein Meter breiter Graben, 30 Zentimeter tief, quer über die Straße – die Organisatoren hatten versagt. Fahrer versuchten verzweifelt, den Graben mit „bunny hops“ zu überspringen, scheiterten aber oft. Laurent Fignon klagte gegen die Veranstalter, und die ASO übernahm später die Organisation des Rennens. Ein schmerzhafter Weckruf für die Sicherheit im Radsport.

Anquetils trotzreaktion und das duschwasser

Anquetils trotzreaktion und das duschwasser

Jacques Anquetil, der „König“ des Radsports, war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Als ein junger Italiener 1965 die Tour gewann und 1966 Paris-Roubaix nachlegte, war Anquetils Thron in Gefahr. Seine Antwort: ein grandioses Solo bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, mit über fünf Minuten Vorsprung. Doch nach dem Rennen forderte ein Kontrolleur eine Urinprobe – und Anquetil antwortete mit einem spöttischen Angebot: „Sie können sich ja was vom Duschwasser nehmen, da ist alles drin!“ Eine legendäre Antwort, die den Normannen disqualifizierte, ihn aber später wieder als Sieger einstufte.

Winokurows schatten

Winokurows schatten

Der Sieg von Alexander Winokurow 2010 wirft bis heute Fragen auf. Emails, die im Schweizer Magazin „L’Illustré“ veröffentlicht wurden, deuteten auf einen Deal hin. Winokurow und sein Fluchtgefährte Alexander Kolobnew sollen sich um 100.000 Euro für ein „verlorenes“ Rennen gebürgt haben. Beide bestreiten den Deal, doch der Zweifel bleibt. Ein dunkler Fleck auf der Geschichte eines Rennens, das für seine Ehrlichkeit und seinen Kampfgeist geschätzt wird. <Einem Rechtsstreit entging der Russe später.

Der rachefeldzug hinaults

Nachdem ein junger Breton Gent-Wevelgem gewonnen hatte, verhöhnte die belgische Presse den Sieg als den des „Einäugigen unter den Blinden“. Bernard Hinault ließ sich davon nicht beirren. Bei Lüttich-Bastogne-Lüttich nahm der „Dachs“ Revanche und triumphierte gegen die versammelte Armada belgischer Stars. Ein Beweis dafür, dass Stolz und Ehrgeiz im Radsport eine große Rolle spielen.

Ein bein, ein sieg

Leon Houa, der erste Sieger von Lüttich-Bastogne-Lüttich, bewies 1892 ungeahnte Willenskraft. Mit einem gebrochenen Pedal absolvierte er die letzten zehn Kilometer fast „einbeinig“. Ein Sieg, der bis heute Respekt einflößt – und ein Symbol für die unbändige Entschlossenheit der Radfahrer.