Luis enrique: der radfahrer, der die roma veränderte
Rom – Walter Sabatini, einstiger Sportdirektor der AS Rom, hat in einem Interview mit As ein faszinierendes Kapitel der Fußballgeschichte der ewigen Stadt enthüllt: die kurze, aber intensive Zeit von Luis Enrique als Trainer der Roma in der Saison 2011/12. Es ist eine Geschichte von unorthodoxen Methoden, revolutionären Trainingsideen und einem unerschütterlichen Glauben an die eigenen Prinzipien – selbst wenn es den Tifosi auf die Füße trat.
Ein ungewöhnlicher start: das fahrrad und die begeisterung de rossis
Sabatini berichtet, dass die Verpflichtung Enriques keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Dario Canovi, ein bekannter Agent, brachte den Namen des jungen Trainers ins Spiel, der nach seiner Zeit beim FC Barcelona B eine neue Herausforderung suchte. Was aber wirklich auffiel, war Enriques Engagement: Er pendelte täglich mit dem Fahrrad von seiner Villa in der Olgiata – näher an Formello, dem Trainingsgelände der Lazio – nach Trigoria, dem Rom-Trainingszentrum. Ein Detail, das die Leidenschaft und den unbedingten Willen des Spaniers unterstrich.
Besonders beeindruckt zeigte sich Daniele De Rossi, der als einer der wichtigsten Spieler des Teams von Enriques Arbeitsweise schwärmte. „Er entwickelte in jedem Training so viele neue Konzepte, dass es mir vorkam, als hätte ich noch nie zuvor Fußball gespielt“, so De Rossi. Ein Weltmeister, der sich wie ein Schüler fühlte – ein Beweis für Enriques Fähigkeit, auch erfahrene Profis zu motivieren und zu inspirieren.

Der konflikt mit totti: prinzipien vor pragmatismus
Doch nicht alles lief reibungslos. Die Beziehung zu Francesco Totti, dem unangefochtenen Idol der Curva Sud, war von Spannungen geprägt. Enrique, ein Mann von Prinzipien, zögerte nicht, Totti auf die Bank zu setzen, was zu heftigen Protesten der Fans führte. „Er ist ein Mann von Prinzipien, eine Person, die keine Kompromisse eingeht“, erklärt Sabatini. „In Rom ist es so: Wer Totti berührt, begeht einen Kapitalverbrechen. Aber Luis Enrique hat seine Ideale nicht verraten, auch wenn es menschlich oder taktisch sinnvoller gewesen wäre.“
Totti, der Enrique liebevoll „Zichichi“ nannte – in Anlehnung an den italienischen Wissenschaftler Enrico Fermi – respektierte den Trainer zwar, doch die Fans sahen in ihm einen unantastbaren Gott. Enrique ignorierte diese Haltung und verfolgte unbeirrt seinen eigenen Fußballstil, koste es, was es wolle.

Ein plötzlicher abschied: insulten und ein gebrochenes versprechen
Nach einer Saison, die mit einem siebten Platz in der Serie A endete, bot Sabatini Enrique sogar eine Vertragsverlängerung an. Doch der Spanier lehnte ab. Der Grund: Berichten zufolge hatte seine Familie von einigen Fans beleidigt und bedroht worden. Enrique konnte diese Situation nicht ertragen und verließ Rom. Ein abruptes Ende einer vielversprechenden Ära.
Die Geschichte von Luis Enrique in Rom ist mehr als nur eine Fußballegeschichte. Sie ist eine Geschichte über einen Trainer, der an seinen Prinzipien festhielt, selbst wenn es ihn den Unmut der Fans einbrachte. Ein Mann, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr und die Spieler dazu brachte, das Spiel neu zu denken. Ein Radfahrer, der die Roma kurzzeitig veränderte.
