Leonie maria walter krallt sich bronze nach 90-minuten-drama in tesero
Erst fünfte, dann Bronze: Leonie Maria Walter hat sich in Tesero ihre zehnte Paralympics-Medaille erkämpft – und dafür 90 Minuten gebraucht, die sie in der Wartehölle verbrachte. Der Grund: ein Infrarot-Sensor, der sich durch Schneeglitzer verabschiedete.
Die 22-Jährige trat als Führende ins mittlere Schießen, doch auf dem dritten Anschoß blieb der tonlose Impuls aus. Kein Treffer, keine Rückmeldung. „Ich glaube, die Sonne spiegelte so stark, dass der Strahl zerstreut wurde“, sagte Walter im ARD-Mikrofon. Konsequenz: vier Nachlader, 51 Sekunden Strafzeit, ab auf Rang sieben.
Die wende kommt per protest
Doch Bundestrainer Ralf Rombach reichte sofort Einspruch ein. Die Jury bestätigte: Technikdefekt, Zeitgutschrift. Walter rutschte auf Platz drei, Simona Bubenickova aus Tschechien – die als Dritte durchs Ziel gerauscht war – behielt ebenfalls Bronze. „Eine faire Lösung“, sagte Rombach, „aber Nerven wie Drahtseile braucht man trotzdem.“
Walter selbst hatte die Verschnaufpause genutzt, um sich neu einzustellen. Sie wechselte den Stand, räumte danach alle fünf Scheiben ab und lief mit 21,1 Sekunden Rückstand auf Edlingerova ins Ziel. „Im Kopf war das Rennen eigentlich gelaufen“, sagte Guide Christian Krasman. „Dass es trotzdem noch ein Happy End gibt, ist superkrass.“
Das Phänomen ist nicht neu. Bereits beim Testevent im Vorwinter hatten sehbehinderte Athleten über fehlende akustische Signale geklagt. Der Schneehimmel von Tesero wirft schräge Reflexe auf die Infrarot-Markierungen – ein Detail, das die Organisatoren offenbar unterschätzt haben. „Wir haben jetzt schwarze Schirme aufgestellt, um Streulicht zu dämpfen“, sagte ein Technik-Verantwortlicher. Ob das reicht, wird sich beim nächsten Schießen zeigen.

Sieben medaillen, drei spiele, ein traum
Für Walter ist es die siebte Medaille bei ihren dritten Winterspielen – und die dritte in Norditalien. Nach dem Disqualifikations-Schock im Langlauf-Sprint war das Podest heute psychologisches Kopfgeld. „Ich wollte beweisen, dass ich nicht nur mit Glück, sondern mit Klasse unterwegs bin“, sagte sie. Die Bilanz: Bronze im Biathlon-Sprint, Bronze über 10 km Langlauf, Bronze im heutigen Rennen. Silber fehlt noch.
Deutschland feiert mit ihr, aber auch mit der Breite. Johanna Recktenwald wurde Fünfte, Linn Kazmaier Sechste – beide nur eine Strafrunde vom Podest entfernt. Bei den Männern lief Lennart Volkert als Vierter zur Bestmarke, 38 Sekunden fehlten zur Bronzephase. Bundestrainer Rombach spricht von „einem der stärksten Biathlon-Tage der deutschen Para-History“.
Die TSV Pelkum lässt grüßen: Walter trainiert seit Jahren mit der Dortmunder Mannschaft, die sich auf Sehbehinderte spezialisiert hat. Dort weiß man, dass Leistung eben nicht nur aus Muskeln besteht, sondern aus Geduld – und aus der Fähigkeit, auch mal 90 Minuten zu warten, bis die eigene Zeit endlich zählt.
