Leão tobt, milan stolpert – titelchance rutscht weg

Rafael Leão hatte die Schnauze voll – und zeigte es jedem im Stadio Olimpico. Der Portugiese schleppte sich bei seiner Auswechslung wie ein Schuljunge zum Duschen, schmiss Wasserflaschen durch die Gegend und wollte sich nicht einmal von Trainer Massimiliano Allegri umarmen lassen. Die Szene dauerte keine 30 Sekunden, sagt aber alles über den Abend der Rossoneri: Milan kassierte eine 0:1-Klatsche gegen Lazio und ist jetzt acht Punkte hinter Stadtrivale Inter.

Allegri nimmt seinen offensiven leitwolf vom feld – und verursacht ein ego-beben

Die Entscheidung fiel in der 67. Minute. Leão hatte an diesem Abend kaum Dampf nach vorn gesetzt, seine Zweikampfquote lag bei mageren 33 %. Allegri wollte frische Impulse, schickte Niclas Füllkrug. Der deutsche Nationalspieler lief bisher in 13 Partien nur einmal von Beginn an – und traf genau einmal. Auch gegen Lazio blieb er blass. Isaksen hatte die Roma-Siegesspur schon früh gelegt (26.).

Doch zurück zu Leão. Statt sich zügig zu verziehen, schlich er über den Mittelstrich, warf seinen Handschuh auf den Rasen, trat gegen Flaschen. Mike Maignan sprintete herbei, versuchte ihn zu beschleunigen – vergeblich. Allegri streckte die Arme aus, Leão wich aus. Laut DAZN soll der Flügelflitzer gerufen haben: „Mister, lass mich drauf, es sind noch 20 Minuten!“

Milans kaderplanung wackelt – und mit ihr die meister-trophäe

Milans kaderplanung wackelt – und mit ihr die meister-trophäe

Der Ausraster kommt zum falschen Zeitpunkt. Milan hatte die Saison mit dem Anspruch begonnen, den Titel zurückzuholen. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: nur ein Sieg in den letzten fünf Ligaspielen, magere 1,6 Tore pro Partie, die Defensive kassierte schon neun Gegentore in diesem Zeitraum. Dazu interne Eruptionskultur: Leão ist nicht das erste Mal auffällig. Im Oktober quengelte er, weil er für das Champions-League-Spiel gegen Dortmund auf die Bank musste. Jetzt der nächste Knall.

Was bedeutet das für die Tabelle? Inter marschiert vorneweg, die Nerazzurri haben 41 Punkte. Milan steht bei 33, muss auch Napoli (32) und Atalanta (31) im Nacken spüren. Die Meisterfrage ist damit längst nicht mehr nur sportlich, sondern auch psychologisch entschieden: Wer so viel interne Dampf hat, verliert am Ende die Lokomotive.

Allegri versuchte nach dem Abpfiff Schadensbegrenzung. „Er war frustriert, weil es Momente gab, in denen er besser hätte angespielt werden können“, sagte der Coach. Eine harmlose Erklärung. Doch wer den Spielfilm studiert, weiß: Leão gewann kein einziges Sprintduell, verlor 12 von 16 Ballkontakten. Die Wut war vor allem über sich selbst – und über die Tatsache, dass der Trainer ihn nicht durch die letzten Minuten hetzen ließ.

Für Füllkrug bleibt die Lage ebenfalls ungemütlich. Drei Monate Leihe, ein Treffer, kein einzter Assist. Die Milan-Verantwortlichen hatten gehofft, dass seine robuste Präsenz im Strafraum die Flügelspieler entfesselt. Stattdessen fehlt die Chemie, und die Statistik verortet ihn mit 0,18 xG pro 90 Minuten im unteren Tabellendrittel aller Stürmer der Liga.

Lazio feiert indes den dritten Heimsieg nacheinander. Maurizio Sarri hat seine Truppe auf Vordermann gebracht: hohes Pressing, schnelle Vertikalpasses, Isaksen als Hybrid zwischen Sturm und Mittelfeld. Mit 28 Punkten rückt Lazio auf Platz 7 heran – Europacup-Plätze in Reichweite.

Bei Milan ticken die Uhren anders. Noch ist Januar, aber die Meisterschaft wird in Italien traditionell in den Wintermonaten entschieden. Wer im Februar acht Punkte hintenliegt, muss auf Wunder hoffen oder den Kader umbauen. Leão, Vorjahres-MVP, droht zum Sorgenkind zu werden. Und Allegri? Muss sich fragen, ob Milans Projekt mit oder besser ohne seinen temperamentvollen Star besser funktioniert. Eines ist klar: Wenn der Portugiese nicht lernt, dass Erfolg Teamgeist braucht, rennt er früher oder später gegen eine Wand – und Milan mit ihm.