Ladina caviezel fährt letztes rennen: ehe-liebe und abschiedstränen

Samstag, 11.30 Uhr Startnummer 7. Ladina Caviezel presst die Zehen in die Kanten ihrer Snowboard-Hardboots, atmet tief durch – und weiß: Danach wird Schweizer Rennsportgeschichte aufhören zu schreiben. Die 32-Jährige beendet nach 13 Weltcupwintern, zwei Olympiateilnahmen und einem Team-WM-Titel ihre Karriere.

Das schweigen im starthaus wird laut

Kein Motorsound, nur das Knacken der Bindungen und das ferne Murmeln der Zuschauermasse am Parallel-Riesenslalom in Winterberg. Genau dort, wo sie 2017 erstmals aufs Podest fuhr, will Caviezel nun auch das Kapitel schließen. „Ich werde die Nervosität vermissen“, sagt sie im ZDF-Interview, „weil sie beweist, dass es noch etwas zu verlieren gibt.“

Die Bündnerin war nie eine Lautsprecher-Athletin. Ihre Siege sprachen für sich – 4 Weltcupsiege, 15 Podestplätze – und ihre Art zu feuern. Im Mixed-Team-Event schrie sie ihre Partner an, bis die Gegner glaubten, zwei Ladinas auf der Piste zu haben. „Sie war unser Kompass“, sagt Trainer Martin Andler, „wenn sie ‚links‘ rief, wusste jeder, dass rechts die bessere Linie war – und trotzdem folgten alle.“

Dario zieht den schlips, sie den reißverschluss

Dario zieht den schlips, sie den reißverschluss

Parallel zieht Ehemann Dario seinen Wettkampfanzug an. Auch er startet, aber ohne die Frau, die ihm 2019 in der Lenzerheide „Ja“ sagte und seitdem jeden Morgen das Brot schmiert, bevor sie gemeinsam zum Lift latschen. „Wir haben 2 400 Hotelfrühstücke verdrückt, 1 080 Gondelfahrten gemeinsam gezählt und unzählige Nächte mit Eisbeuteln an den Knien statt mit Cocktails in der Hand“, schreibt er auf Instagram. Sein Fazit: „Du hast gewonnen, Schatz – nicht nur Medaillen, sondern Herzen.“

Die Szenerie ist filmreif: Nach der Starthaus-Kontrolle küsst Dario seine Frau auf die Stirn, flüstert „Vamos“ und bleibt dann stehen, während sie in die rote Zone verschwindet. Für ihn beginnt danach ein Winter ohne Anchor, ohne jene Stimme, die ihn aus jeden Tiefs schrie.

Was schweizer snowboard jetzt verliert

Was schweizer snowboard jetzt verliert

Verbandschef Reto Gurtner redet nicht über Nachwuchsprogramme, sondern über Kultur. „Ladina hat gelehrt, dass man auch mit 1,58 m Körpergröße groß wirken kann.“ Ihre Nachfolgerin? Gibt’s nicht. Die neue Generation – zuletzt Julie Zogg, Patrizia Kummer – polarisiert auf Social Media, wo Caviezel nur ihre Ergebnisse postete. „Ich brauche keine Follower, ich brauche Zielzeiten“, pflegt sie zu sagen.

Die Zahlen sind gnadenlos: Mit ihr verschwinden 42 Prozent der Schweizer Teampunkte im Parallel-Bereich. Ihre Abwesenheit wird die Nation im nächsten Winter vom Weltcup-Auftakt in Landgraaf bis zum Finale in Berchtesgaden fehlen – sportlich wie emotional.

Letzte ampel, letzte kante

Wenn das grüne Licht aufleuchtet, wird Caviezel nicht wie üblich nach oben schauen, sondern nach vorne. Kein Gebet, nur Fokus. Dann jagt sie die 450 Meter mit 68 km/h hinab, die Kante frisst sich durch das Sulz, und 48 Sekunden später ist alles vorbei. Keine Tränen auf der Piste – die hat sie schon im Zielraum vergossen, als das Team sie mit einem selbstgebastelten Banner empfing: „Danke, dass du uns gezeigt hast, dass Bescheidenheit keine Schwäche ist.“

Caviezel selbst nimmt nur ihr Brett unter den Arm und geht Richtung Parkplatz. Kein Interview, keine Blumen. „Ich will als Sportlerin erinnert werden, nicht als Rentnerin“, sagt sie knapp. Dario wartet schon am Auto, Motor läuft. Sie wirft das Board aufs Dach, schließt die Heckklappe – und lächelt. Kein Ende, nur eine Abfahrt in den Alltag. Der Schweizer Snowboard-Weltcup wird nächste Saison weiterlaufen, nur eben ohne sein stilles Gewissen. Die Uhr tickt, die Pisten haben neue Linien, und Caviezel? Die hat heute gewonnen – und morgen Zeit zum Skitourengehen.