Trapattoni wird 87 und lacht die jugend an wie eh und je
Ein Käppilein mit Schirm, weißsohlige Sneaker und ein Grinsen, das zwischen Kind und Fuchs schwankt – so tauchte Giovanni Trapattoni gestern in Mailand auf. 87 Jahre juckten ihn offenbar nicht, denn wer ihn erwartet hatte, den erwartete ein Geschenk: fünf Minuten Autogrammjäger-Pause, in denen der Altmeister alte Trikots signierte und nebenbei die Zeit zurückdrehte.
Der mythos schält sich aus dem versteck
Jahrelang war Trap ein Phantom, so präsent wie Mina oder Celentano, aber kaum noch sichtbar. Seine letzte TV-Glatze war 2010, als er Irland zur EM schleppte. Seitdem: Funkstille, nur Gerüchte, kein Interview. Gestern platzte die Dämmerung – und mit ihr die Erkenntnis: Der Begriff „trapattonianisch“ ist längst falsch versteigert. Wer den Begriff für „abwehrbetont“ missbraucht, hat nie die Juve der 80er gesehen.
Platini hinter Bettega und Rossi, Tardelli und Boniek, die in den Strafraum stürmten wie geölte Sturmjäger, Gentile, Cabrini und Scirea, die vom Defensivstrang bis zur Mittellinie strichen – das war kein Catenaccio, das war ein Sturm aus sieben Köpfen. Heute würde das Analysten 2-3-5 nennen und auf Twitter auseinanderklamüsern.

Bayern münchen schickt blumen, strunz schickt herz
Die Grüße aus München kamen pünktlich um 7:49 Uhr: „Tanti auguri, Maestro!“ Mit einem Klick versandte der Klub ein Foto von Traps Zeit im Olympiastadion, als er Meisterschale und DFB-Pokal im Doppelpack holte. Auch Thomas Strunz meldete sich, Matthias Sammer postete ein Emoji, Lothar Matthäus schickte Sprachnachrichten voller Berliner Schnauze. Die Grußkarten-App platzte vor lauter Erinnerungen.
Doch der schönste Dank kam von der Straße. Ein Junge aus Cusano Milanino – 14 Kilometer Luftlinie von Lissone – bat um zwei Unterschriften, eine für sich, eine für den Opa. Trapattoni zögerte keine Sekunde, kritzelt seinen Namen und flüstert: „Vergiss nie: Pressing beginnt im Mittelfeld, nicht im Strafraum.“ Der Bub strahlt, die Mutter filmt, das Video geht viral. Innerhalb von zwei Stunden knackt die Seite Pelkum Sportwelt die 50.000-Klick-Marke.

87 Jahre, null laktatwerte, alle titel
Wer zählt, gewinnt. Serie A, Coppa Italia, Supercoppa, European Cup, Cup Winners‘ Cup, UEFA Cup, Meisterschaften in Deutschland, Portugal, Österreich – niemand sonst hat das große Quadrupel. Und keiner brauchte dafür Powerpoint, Analytics oder GPS-Westen. „Ein Pfiff reichte“, sagte er einst, und das war kein Slogan, sondern Arbeitsanweisung.
Die Knie sind leicht gebeugt, der Blick trotzdem scharf. Er sieht aus, als könnte er morgen noch ein 4-4-2 erklären, das sich in ein 3-5-2 verflüchtigt, sobald der Gegner den halben Flügel verlagert. Die Zunge ist so schnell wie früher, nur die Sprünge fehlen. Dafür gibt es eben Weiß-sohlige Sneaker und den Charme eines Mannes, der sieben Sprachen bricht, aber nur eine braucht: Fußball.
Die Sonne über Mailand senkt sich, die Autogrammjäger verabschieden sich. Trapattoni dreht sich noch einmal um, zieht die Käppi tiefer und ruft: „Denkt an mich, wenn ihr tief steht!“ Dann verschwindet er in der Seitengasse – nicht wie ein Greis, sondern wie ein Trainer, der gerade die 87. Minute erreicht hat und weiß: Die Nachspielzeit kann kommen.
