Manuel neuer wird 40: die revolution zwischen den pfosten geht weiter
Am Freitag schlägt die Geburtsstunde der Neuzeit des Fußballtores. Manuel Neuer, der Mann, der den Begriff „Raumdeuter“ erfunden hat, bevor Mesut Özil ihn sich krallte, wird 40 Jahre alt – und spielt noch immer, als wäre der Zeitlupenknopf seines Lebens festgeklemmt.
Die Zahl klingt nach Ruhestand, nach Trainingsanzug statt Torwarthandschuh. Doch im Kasten des FC Bayern steht Neuer weiterhin auf Höchstniveau, und die Konkurrenz schaut nicht auf Punkte, sondern auf ihn. „Es wird für alle, die ihm nachfolgen, schwer, weil es einen Torhüter wie Manuel Neuer nicht mehr allzu schnell geben wird“, sagt Sepp Maier, der Patriarch der bayerischen Torhüterschule, dem Münchner Merkur. Der Satz klingt wie ein Nachruf auf eine Ära, die eigentlich noch läuft.
Die 34-titel-frage: wie viel gold erträgt ein regal?
34 Titel hat Neuer bereits gewonnen – 1 Weltmeistertitel, 2 Champions-League-Pokale, 11 deutsche Meisterschaften, 6 DFB-Pokale und ein Sammelsurium an Supercups, Klub-WMs und was es sonst noch an Silber gibt. In dieser Saison könnte die Sammlung weiter wachsen: Bayern führt die Bundesliga an, ist im Pokalhalbfinale und im Champions-League-Viertelfinale noch dabei. Die 35 könnte also schon im Mai folgen.
Doch die eigentliche Sensation ist nicht die Trophäenanzahl, sondern die Unverändertheit. Wer mit 40 noch jeden Samstag 80 Meter Sprint zur Ecke riskiert, um eine Flanke mit der linken Hand zu entschärfen, der hat entweder einen verborgenen Zeitvertrag oder ein verborgenes Gen.

Der vertrag tickt – und die uhr auch
Im Sommer läuft der aktuelle Vertrag aus. Kein neues Papier liegt auf dem Tisch, keine öffentliche Zusage, keine Geste der Verlängerung. Die Bayern schweigen, Neuer schweigt eleganter. Intern heißt es, die Entscheidung falle „sportlich“, was im Klubjargon bedeutet: Sie fällt, wenn die Knie noch mitmachen und die Reflexe nicht nachlassen. Die Mediziner haben bislang keinen Makel gefunden, der über das übliche Maß hinausgeht.
Ena Mahmutovic, Torhüterin der Bayern-Frauen, formuliert das, was viele denken: „Es ist eine riesige Leistung, dass er seinen 40. Geburtstag im Tor des FC Bayern feiert – wer über so viele Jahre auf alleroberstem Niveau Maßstäbe setzt, über den muss man keine weiteren Worte verlieren: Das ist schlichtweg einzigartig.“ Ein Satz, der klingt, als hätte er sich selbst geschrieben.

Die spieler, die neuer erfunden hat
Was Sepp Maier „Revolution“ nennt, ist eigentlich eine neue Spezies. Neuer hat den Torwart nicht nur verlängert, sondern entgrenzt. Er ist Libero, Abwehrspieler Nummer elf, Anspielstation und Psychologe in einem. Gegner, die einmal den Ball in den Laufweg des keepers gespielt haben, schießen heute lieber ins Aus – sie wissen, dass der Raum hinter der Abwehr plötzlich schrumpft, wenn Neuer ihn verlässt.
Herbert Hainer, Bayern-Präsident, redet vom „Lehrbuch“, das Neuer geschrieben habe. Tatsächlich gibt es in den Analysten-Kreisen eine interne Mappe: „Neuer-Prinzipien“. Darin steht, wie man eine Pressing-Lücke schließt, indem man 30 Meter vor dem Tor steht. Es steht, wie man einen Schalker Konter schon im Keim erstickt, indem man mit der Hacke ablenkt. Es steht, wie man mit einem Blick die komplette Mannschaft umbiegt.

Der freund, der feind, der feldherr
Sven Ulreich, Ersatztorwart und jahrelanger Zweiter, nennt ihn „Manu“ und sagt: „Er hat immer zu mir gestanden.“ Das klingt nach Bruder, nicht nach Konkurrent. Doch hinter der Kameradschaft steckt auch ein Machtfaktor. Wer Neuer ersetzen will, muss nicht nur parieren, sondern auch regieren. Ulreich hat es versucht, Alexander Nübel versucht es gerade, und keiner kommt an die Aura heran, die Neuer ausstrahlt, wenn er vor dem Tor steht und die Arme hebt – wie ein Dirigent, der das Orchester erst dann spielen lässt, wenn die Stille perfekt ist.
Die Frage ist nicht, ob Neuer weitermacht. Die Frage ist, ob der Fußball ohne ihn noch derselbe ist. Die Antwort lautet: Nein. Denn was er erfunden hat, wird niemand mehr rückgängig machen. Die 40 Jahre sind nur eine Zahl. Die Revolution ist längst ein Standard geworden – und der heißt Neuer, bis jemand Besseres kommt. Bis dahin bleibt die Uhr stehen, wenn er springt.
