Breras amerika-reise: ein sportjournalist entdeckt die schattenseiten des traums

Gianni Brera, eine Legende des italienischen Sportjournalismus, reiste 1955 in die Vereinigten Staaten – und kehrte mit einem tiefen Unbehagen zurück. Was als aufregendes Abenteuer begann, endete in einer Abneigung, die ihn dazu veranlasste, das Land fortan zu meiden. Eine neue Publikation enthüllt die Hintergründe dieser faszinierenden Reise.

Ein blick hinter die kulissen des amerikanischen traums

Der von Aragno veröffentlichte Band „Viaggio in America“ (Amerika-Reise), editiert von Claudio Rinaldi, vereint die neun Artikel, die Brera während seines dreimonatigen Aufenthalts verfasste. Es ist ein Porträt Amerikas, das weit über das hinausgeht, was man von einem Sportjournalisten erwarten würde. Brera, der sich kurz zuvor von der Gazzetta dello Sport verabschiedet hatte, nutzte die Gelegenheit, um dem italienischen Journalismus zu entfliehen und neue Wege zu suchen – und um seinen Lebensunterhalt zu sichern, wie seine zahlreichen Briefe an seine Familie belegen.

Von Pferderennen bis Boxkämpfen: Brera widmete sich einem breiten Spektrum sportlicher Disziplinen – von der Eleganz der Pferderennen über die Brutalität des Boxens bis hin zur Geschwindigkeit des Automobilrennsports. Doch er beschränkte sich nicht nur auf die sportlichen Leistungen. Er beobachtete die Gesellschaft, die Menschen, die großen Städte und ihre sozialen Dynamiken mit scharfem Blick.

Ein Highlight des Buches ist zweifellos das exklusive Interview mit Avery Brundage, dem damaligen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Brera veröffentlichte dieses Interview in L’Équipe und erhielt damit international Beachtung. Auch die Geschichte um die Herzoge von Windsor, die ein Autorennen in Indianapolis besuchten, wird mit einem Augenzwinkern erzählt – und deutet an, dass die Herzogin nicht gerade für ihre unerschütterliche Treue bekannt war.

Aber mehr als die sportlichen Ereignisse und exklusiven Enthüllungen war es Breras zunehmende Entfremdung von Amerika, die ihn prägte. Er beschrieb das Land als einen Ort, der jegliche menschliche Gemeinschaft verneint – ein Gefühl, das durch seine mangelnde Sprachkenntnisse noch verstärkt wurde. „Ich bin ein alter Hund auf Absteig, der nicht die Aufregung spürt und nicht einmal über Literatur plaudern kann“, schrieb er seiner Frau.

Ein abschied, der ein leben prägte

Ein abschied, der ein leben prägte

Diese Erfahrung führte dazu, dass Brera, selbst an der Schwelle zu einer glänzenden Karriere, beschloss, nie wieder in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Es war ein Entschluss, der letztlich seinen Weg frei machte, 1956 Il Giorno zu gründen und dort als Sportchef zu wirken – ein Schritt, der ihm zu nationalem Ruhm verhalf. Doch der Schatten seiner Amerika-Reise blieb bestehen, eine Erinnerung an einen Mann, der in der Weite des Kontinents seine eigene Heimat und die menschliche Verbundenheit suchte – und sie nicht fand.

„Viaggio in America“ ist mehr als nur eine Sammlung von Artikeln. Es ist ein faszinierendes Porträt eines außergewöhnlichen Journalisten und seiner Begegnung mit einem Land, das ihn zutiefst verstörte. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und die Frage aufwirft, was es wirklich bedeutet, ein Mensch zu sein.