Sweep hin oder her: mitells lugano zieht stolze bilanz
0:4 war’s, aber keine Demütigung. Der HC Lugano verlässt die Playoffs mit erhobenem Haupt – und einem Konto, das nur eines enthält: Respekt für die eigene Wandlung.
Ein schlusspunkt, der wie ein aufbruch klingt
Die Corner Arena bebte bis zur Schlusssirene, doch die ZSC Lions standen am Ende ruhig da, als hätten sie nur ein Schachbrett umgedreht. 2:1 hieß es im vierten Spiel, 4:0 in der Serie. Ein Sweep, den viele als Erledigung werten, Tomas Mitell aber als Etikett für eine Saison, die erst richtig begann, wenn man die Geschichten vor dem Winter aufräumt.
„Wir haben alles gegeben, was wir hatten“, sagt der Schwede, ohne seine Stimme zu heben. Die Worte klingen, als hätte er sie schon vor Wochen zwischen zwei Videoanalysen formuliert. „In den meisten Partien waren wir direkt dran.“ Direkt dran – das ist Code für: Wir haben die Grossen gejagt und ihnen die Scheibe am Toreschlitz weggespitzt.
Dabei war der Start alles andere als Filmreif. Nach dem Sommer locherte man in Lugano noch die Tabelle wie ein Schweizer Käse, bis Mitell Anfang Oktober das Ruder übernahm. Seitdem verwandelte sich das Team von einer verunsicherten Gruppe in eine Macht, die in der eigenen Halle 17-mal nacheinander nicht verlor. Die Lions lagen im Viertelfinal nur deshalb nicht auf dem Eis, weil sie in den entscheidenden Sekunden einen Konter fuhren wie eine Uhr, die jeden Tag zwölf Mal richtig geht.

Die zürcher konter nadeln wie ein stimmgabelchen
„Sie haben Top-Spieler, die solche Chancen eiskalt ausnutzen“, sagt Mitell und meint damit vor allem die Reihung um Sven Andrighetto, der in der Serie vier Punkte sammelte und dabei aussah, als spielte er mit Sonnenbrille. Die Tiefe des Kaders, die robuste Defensive und das Goaltending von Leonardo Genoni formierten eine Wand, vor der Lugano dreimal in Überzahl scheiterte, obwohl die Scheibe schneller zirkulierte als Gerüchte im Tessin.
Doch wer nur die Tore zählt, übersieht die Metamorphose der Bianconeri. Die Jugend kam durch: Marco Müller traf zweimal, Alessio Bertaggia jagte jeden Puck wie einen Dieb. Und das Publikum? Es schwappte in Wellen, bis die Dachbalken der Corner Arena summten. „Unsere Fans werden von Tag zu Tag besser“, sagt Mitell, der in North America schon in AHL-Kaschemmen gecoacht hat, aber selten eine so laute Abteilung erlebte.

Die rechnung ohne glück
Die Statistik lügt nicht: Lugano erzielte in der Serie 98 Schüsse aus der Slot-Zone, traf aber nur neun Mal. Die Lions kamen auf 73 Schüsse aus gleicher Distanz und verwerteten 14. Die Prozentzahl steht für das Quäntchen Glück, das Mitell erwähnt – und das in der Postseason oft mehr zählt als jede Taktik.
Trotzdem: Der Coach verlässt die Mixed Zone mit gerader Miene. „Im Moment fühlt es sich schlecht an, aber wir können stolz auf unsere Saison sein.“ Keine Floskel, sondern ein Fakt. Denn wer sich von 13. auf 6. vorarbeitet und dann den Meister ärgert, hat nicht verloren – er hat bloß noch nicht gewonnen.
Der HC Lugano wird nächste Woche die Rinken abschmelzen, die Videowände löschen und die Saisonbroschüre mit einem Eintrag versehen, der lautet: „Sweep hin oder her – wir sind zurück in der Spur.“ Und Tomas Mitell? Der bucht bereits den Flug für September. Er hat noch ein offenes Konto mit der Postseason – und diesmal will er mehr als nur Respekt einzahlen.
