Pinheiro braathen schluckt norwegischen gift-text, holt kugel und schlägt zurück
Lucas Pinheiro Braathen trug in Lillehammer die Riesenslalom-Kristallkugel nach Hause – und hatte weniger die Pisten-Schneekanonen im Ohr als das Gift aus Oslo. Literaturkritiker Bernhard Ellefsen hatte ihn im «Morgenbladet» als Instagram-KI-Sprücheklopfer verhöhnt. Jetzt meldet sich der Olympiasiecher mit brasilianischem Pass, norwegischem Akzent und einem Satz, der alles zusammenfasst: «Ich traue mich, so zu sein, wie ich bin.»
Der vorwurf: ein produkt statt ein mensch
Ellefsens These klingt hart, liest sich aber einfach: Pinheiro Braathens «harter Weg» sei selbstgemacht, seine Reden seien «eine endlose Reihe von Instagram-artigen Inspirationszitaten, die aus ihm heraussprudeln, und sie sind von der KI-typischsten Sorte». Der Nationenwechsel 2024? «Inszenierung». Die Goldmedaille in Kitzbühel? «Hätte er auch ohne Melodramatik holen können.»
Die Stimmung in Norwegen kocht seit Wochen. Kommentarspalten spalten sich zwischen Stolz und Scham. Denn der 25-Jährige war einst Hoffnungsträger des Skiverbands, bevor er nach dem Streit mit Teamboss Rune Kristiansen die rote Seite des Trikots gegen das grün-gelb des Heimatlandes seiner Mutter tauschte.

Die antwort: «ich bin buchstäblich halb norweger, halb brasilianer»
Am Sonntag nach dem Riesenslalom-Sieg in Lillehammer stellte «NRK» die Frage direkt. Pinheiro Braathen stand da, eine Kristallkugel im Arm, die andere Hand in der Luft, als wolle er die Kamera berühren. Antwort Teil eins: «Ich begrüße alle Meinungen.» Teil zwei: «Wenn ich von Akzeptanz für Andersartigkeit spreche, kann ich nicht verlangen, dass keiner widerspricht.» Teil drei folgt schnell, fast flüsternd, aber mit einem Unterton, der jeden Satz des Kritikers in Stücke schneidet: «Als ich Norwegen in brasilianischen Farben vertrat, wurde ich dafür kritisiert. Jetzt werde ich dafür kritisiert, dass ich die andere Hälfte meiner selbst repräsentiere – und plötzlich soll das inszeniert sein?»
Keine PR-Firma hat den Text vorformuliert. Kein Agent surfte dazwischen. Man hört den Akzent zwischen Oslo und Rio – und spürt, dass er sich selbst längst nicht mehr erklären will.

Neben der piste zählt nur die uhr, nicht das echo
Die Zahlen sprechen für sich: fünf Saisonsiege, 632 Weltcup-Punkte, 1,84 Sekunden Vorsprung vor Marco Odermatt in der Riesenslalom-Gesamtwertung. Kristall klar. Doch die Debatte dreht sich nicht um Kanten oder Kantenradius, sondern um Identität. Pinheiro Braathen weiß, dass er sich mit jedem Spray aus dem Schneebelag auch eine Spur aus Farbe hinterlässt – und dass Kritik kleben bleibt, egal wie schnell man fährt.
Ellefsen lehnte eine erneute Stellungnahme ab. Aus Oslo verlautet nur, man habe «alles gesagt». Bleibt ein Athlet, der morgens um halb sieben auf der Piste steht, weil die ersten Zähne der Sonne die Eisdecke knacken lassen – und weil er weiß, dass Zeitungen vergehen, Zeiten aber bleiben.
Pinheiro Braathen wird in zwei Wochen in Saalbach die große Kugel anfahren. Dann zählt wieder die Sekunde, nicht das Selbstbild. Er selbst sagt es so: «Ich habe mich dafür entschieden, eine Person des öffentlichen Lebens mit starken Meinungen zu sein. Dann muss ich auch die Konsequenzen tragen.» Die Konsequenz heißt: Wer in der Nacht nach dem Sieg noch über Instagram-Sprüche streiten will, hat schon verloren – gegen einen Typen, der um fünf Uhr morgens längst wieder die ersten Schwünge zieht.
