Marlies göhr: rekordlerin im schatten des dopings?
Vor 49 Jahren stürmte Marlies Oelsner in Dresden über die Ziellinie und schrieb Sportgeschichte. Der 1. Juli 1977: Eine Zeitnahme, die die Welt veränderte, als eine Frau unter 11 Sekunden blieb. Doch der Glanz dieser Leistung ist bis heute von einem dunklen Kapitel überschattet: dem systematischen Staatsdoping in der DDR.
Ein rekord, der brennt
Die damals 19-jährige Oelsner, später bekannt als Marlies Göhr, pulverisierte mit 10,88 Sekunden nicht nur den deutschen Rekord, sondern auch den Weltrekord über 100 Meter. Ein Moment, der sie über Nacht zum Star machte, zur Hoffnungsträgerin des DDR-Sports und zur Rivalin etablierter Größen wie Annegret Richter und Renate Stecher. Ihre kurzen, schnellen Stakkato-Schritte, ein ungewöhnlicher Laufstil, wurden zum Markenzeichen ihrer Erfolge, die in den folgenden Jahren EM-Gold in Prag und den Gewinn der Weltmeisterschaft 1983 in Helsinki einschlossen.
Aber der Traum vom olympischen Glanz erfüllte sich nie. Twice verpasste sie das Gold in Moskau 1980 und Los Angeles 1984 – letzteres aufgrund des Boykotts der DDR. Ein bitterer Abschied von der internationalen Bühne, der von Verletzungen und verpassten Chancen geprägt war.

Das gift der macht
Die Enthüllungen über das Staatsdoping der DDR warfen einen langen Schatten auf Göhrs Erfolge. Akten, die von Anti-Doping-Aktivisten aufgedeckt wurden, belegen die Verabreichung von Oral-Turinabol, einem Anabolikum, an sie und andere Athletinnen. Ihr ehemaliger Trainer, Horst-Dieter Hille, bestätigte dies erst kurz vor seinem Tod gerichtlich. Die Tatsache, dass sie bereits 1975 bei der Junioren-EM positiv getestet worden war, wurde damals vertuscht, ein weiteres Kapitel in der Geschichte des systematischen Betrugs.
Göhr hat stets ihre Unschuld beteuert, bestritten, jemals wissentlich gedopt zu haben. „Man kann nicht 13 Jahre Weltspitze sein und nur mit Dopingmitteln rumrennen. Es gehört sehr viel mehr dazu“, sagte sie einst. Ein Argument, das viele überzeugte, aber die Zweifel blieben bestehen.

Ein vermächtnis im zwielicht
Ihr 100-Meter-Rekord und die Erfolge mit der Staffel sind bis heute unangefochten, obwohl seit 2006 ein Hinweis auf das DDR-Staatsdoping auf der offiziellen Liste steht. Ines Geipel, ebenfalls ehemalige DDR-Sprinterin, forderte öffentlich die Streichung ihrer Namen aus den Bestenlisten, was zu einem öffentlichen Streit mit Göhr führte. Die Frage, wie mit den Leistungen von Athletinnen und Athleten, die unter dem Zwang des Staatsdopings standen, umgegangen werden soll, bleibt unbeantwortet und spaltet die Sportwelt.
Heute ist Marlies Göhr, zweifache Großmutter und ehrenamtliche Vorstand des LC Jena, weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Doch die Debatte um ihr Vermächtnis dauert an, eine ständige Mahnung an die dunkle Seite des Sports und die Frage, wie weit man gehen darf, um erfolgreich zu sein.
