Canale 5 stürzt italien in türkische serienwelle – gift, tränen, rekordquoten

Um 14.15 Uhr bricht Sahika erneut ins Villenviertel ein. Um 16.05 Uhr folgt Cem mit einem toten Vater im Kofferraum. Zwischen diesen beiden Momenten verliert Italien am Freitag die Contenance und schaltet Canale 5 ein. Die Quoten sprengen jedes Mittagsschaltkreuz.

Wie ein land am bosporus hängen blieb

Wie ein land am bosporus hängen blieb

Seit Wochen liefern Forbidden Fruit und La Forza di una donna zweimal täglich den Beweis: Die türkische Dramatik ist kein Trend, sie ist Stammnahrung. 27 Millionen Menschen verfolgten gestern, wie Halit in der Notaufnahme erwacht und sofort Sahika beschuldigt. Die Klinikflure summen von Gerüchten, die Wohnzimmer von Tränen. Der Sender zieht nach, bestellt weitere Folgen, verdoppelt die Wiederholungen. Wer glaubt, das sei nur Frauenunterhaltung, hat die Halbzeitstatistik nicht gesehen: 38 Prozent männliche Zuschauer unter 50.

Die Formel ist simpler als ein Konter. Man nehme eine Villa am Bosporus, streue Gift, Ehebruch und einen Säugling, der schreit, bis die Mauerfarbe bröckelt. Dazwischen Werbeblöcke, in denen italische Supermärkte Olivenöl als Seifenopfer verkaufen. Die Kampagne funktioniert. Die Werbeagenturen buchen Spots zum Dreifachtarif, weil die Marken wissen: Die Reichweite ist so glasig wie die Augen von Yildiz, nachdem sie das Antifrizz-Mittel inhaliert hat.

Doch hinter dem Rauschen steckt ein kaltes Geschäft. Canale 5 zahlt pro Folge weniger als die Hälfte, die man für eine einheimische Produktion hinblättern müsste. Die türkischen Studios liefern 45 Minuten fertige Dramatik inklusive Drohnenaufnahmen und Klavierrausch. Die italische Redaktion schneidet nur noch die Vorschau, damit der Zuschauer am Ende jeder Szene leise aufstöhnt und doch weiterschaut. Die Quote steigt, die Löhne bleiben unten. Ein Drehbuchautor aus Rom, der vor fünf Jahren noch für Mediaset arbeitete, sagt: „Wir haben unsere eigene Kreativität an den Bosporus verkauft. Jetzt importieren wir sie zurück – als Drehgeladenheit.“

Heute droht der Wendepunkt. In La Forza di una donna kassiert Cem statt der erwarteten Dankbarkeit seinen lebenden Vater aus dem Altersheim. Bahar, Bersan und Ceyda haben das Paket verwechselt, jetzt sitzen zwei Generationen im selben Wohnzimmer, und keiner weiß, wer wen erpressen soll. Die Spannung ist so dicht, dass selbst die Glotze zu schwitzen beginnt. Währenddessen schmuggelt Nadir im Nebenzimmer eine Pistole durch die Notaufnahme. Die Kamera fährt in Nahaufnahme, der Ton setzt ein Herzschlag-Puls, die Werbung verkauft Rasierklingen für Männer, die sich nie rasiert hätten, wären sie nicht von Frauen betrogen worden.

Die italische Fernsehlandschaft hat sich in eine Dependance verwandelt, in der türkische Schauspieler italienische Dialekte nachsprechen und die Zuschauer glauben, das sei Kultur. Die Zahlen sind unerbittlich: Jede neue Folge zieht 200 000 Zuschauer mehr als die Vorige. Die Kette rastet ein, der Sender bestellt Staffeln, bis der Bosporus leer ist. Wer jetzt noch umschaltet, verpasst nicht nur das Gift, sondern auch das Rezept, wie man eine Nation mittags in Atem hält.

Um 16.06 Uhr ist Ruhe. Die Rollos fallen, die Handys vibrieren, die Nachbarin schreibt: „Warum weint der Kleine so laut?“ Die Antwort steht auf Silberlingen, die von Istanbul nach Mailand fliegen und dort in Schlafzimmern landen, wo niemand mehr schläft. Canale 5 hat das Monopol auf Sehnsucht erfunden – und verkauft sie zweimal täglich an ein Land, das vergessen hat, selbst zu träumen.