Kretzschmar gründet dreisiebenmedia und greift handball-status quo an
Stefan Kretzschmar hasst Stillstand. Nach 18 Monaten als TV-Experte zieht der Ex-Nationalspieler jetzt die Notbremse – und gründet mit zwei Querdenkern eine Agentur, die den Handball umkrempeln soll. Sein Ziel: Weg von Statistik-Gequatsche, hin zu Geschichten, die das Herz klopfen lassen.
Der Startschuss fällt am Montag. Dann geht dreisiebenmedia online, ein Name, der klingt wie ein Code – und genau das ist er auch. „3:7“ steht für die Minuten, in denen sich ein Spiel entscheidet, für die Lücke zwischen Live-Erlebnis und Nachbesprechung, für alles, was der Sport bislang verpennt hat.
Warum kretzschmar plötzlich selbstständiger wird
Die Idee reifte, während er bei DYN saß und Handball-Bundesliga kommentierte. „Ich habe gesehen, wie junge Talente TikToks drehen, die mehr Klicks hatten als unsere Sendung“, sagt er. „Aber keiner half ihnen, das in Geld umzuwandeln.“ Parallel verkloppten Vereine noch 90er-Jahre-Poster, „weil’s halt immer so gemacht wurde“. Da flog ihm die Kamera aus der Hand. „Ich dachte: Wenn keiner ran will, mach ich’s eben.“
Mit an Bord: Jari Brüggmann, 34, der als „Hamburg-Schnauze“ durch TikTok ging und Spieler:innen beim Friseur filmte, bis sie 100 000 Follower hatten. Und Lennart Wilken-Johannes, 30, Ex-Melitta- und L’Oréal-Stratege, der Marken wie Kaffeefilter und Mascara verkaufte und nun ran will an die emotionale Achterbahn Sport.
Die Aufteilung ist klar: Brüggmann liefert Content, Wilken-Johannes liefert Excel-Tabellen, Kretzschmar liefert Kontakte bis in die Nationalmannschaft. Jeder bringt 30 000 Euro Einlage mit – genug für ein Jahr Miete, zwei Schnittplätze und einen Kicker, der schon jetzt abschießt wie Uwe Gensheimer.

Was die agentur wirklich anders macht
Keine 08/15-Sponsoren-Pakete. Stattdessen bauen sie „Story-Assets“: 15-Sekunden-Clips, Podcast-Miniaturen, Meme-Vorlagen – alles vorproduziert, damit Vereine nur noch „Post“ drücken müssen. Die ersten drei Kunden stehen bereits fest: HC Erlangen will eine Doku-Reihe über die zweite Reihe, Füchse Berlin testen ein NFT-Ticket-Modell, ein A-Nationalspieler lässt sich beim Zahnarzt filmen – „Weil das Menschen sind, keine Spieler-Nr. 19“, sagt Brüggmann.
Kretzschmar greift dabei tief in die Trickkiste. Bei Sky machte er Schlagzeilen, weil er live sagte: „Der Handball ist ein Proletensport, und das ist okay.“ Diese Provokation steckt auch in dreisiebenmedia. „Wir wollen keine Schönwetter-Storys“, betont er. „Wir zeigen, wie Spieler:innen nach der 24:26-Niederlage mit Handy-Vertrag und Miete kämpfen. Das ist der eSport, den die Leute sehen wollen.“
Die Finanzierung läuft über ein Hybrid-Modell: 50 Prozent klassische Beratung, 30 Prozent Content-Lizenz, 20 Prozent Erfolgsprämie, wenn Follower in Ticket-Umsatz wandeln. Erste Kalkulation: Ein Club mit 5 000 neuen digitalen Fans kann 80 000 Euro Mehreinnahmen generieren – nur durch bessere Storytelling-Hebel. „Das ist kein Gimmick, das ist Cashflow“, so Wilken-Johannes.

Der countdown läuft – und der handball schaut hin
Am 1. Juli startet die „Jahrzehnt des Handballs“-Kampagne des DHB. Kretzschmar lacht schwarz: „Die machen PowerPoint, wir machen Content.“ Sein Ziel: Bis Saisonstart 2024/25 will er 20 Vereine und mindestens zwölf Individualathlet:innen unter Vertrag haben. „Dann haben wir 1,5 Millionen Euro Umsatz, und ich kann endlich wieder richtig schlafen.“
Ob es klappt? Die erste Stunde wird’s zeigen. Um 9 Uhr Montag geht die Website live – mit einem 37-Sekunden-Clip, in dem Kretzschmar einen Ball in die Kamera wirft und sagt: „Wenn du das schaust, bist du Teil der Lösung.“ Danach wird geliked, geteilt, diskutiert. Und vielleicht, nur vielleicht, schickt dann mal ein Manager keine Tabelle, sondern eine Story. Dann hätte der Handball seinen neuen Drehschwung – und Kretzschmar endlich sein Revier jenseits des Spielfelds.
