Kontiolahti zwingt den dsv nach mailan-niederlage in die nächste schlammschlacht
Die einzige deutsche Olympia-Medaille im Biathlon ist noch nicht einmal richtig kalt, da peitscht der Weltcup schon wieder durch den finnischen Wald: Kontiolahti ab Donnerstag, 17:05 Uhr – und für Felix Bitterling beginnt die Stunde der Wahrheit.
Warum kontiolahti mehr ist als nur ein stopp auf dem weg nach otepää
Die Stimmung im deutschen Lager kippt zwischen Selbstanklage und Selbstbetrug. Mailand war ein Desaster, das nur mit der alten Leier „wir schauen nach vorn“ verkleistert wird. Dabei liegt die nüchterne Bilanz auf dem Tisch: ein einzelnes Podest, keine Gold-Jagd, dafür Franziska Preuß im Abseits und Dorothea Wierer in Rente. Die Italienerin feiert ihre Abschiedstour, der DSV feiert nichts – außer vielleicht Leonhard Pfund. Der 23-jährige Oberhofer darf endlich Weltluft schnuppern, weil Justus Strelow sich den Finger brach und Anna Weidel grippet. Eine Nominierung, die sich mehr liest wie Notlösung denn wie Königsdekret.
Die Zuschauer bekommen vier Tage voller Schieß-Poker. Eurosport und HBO Max übertragen alles live, weil niemand mehr glaubt, dass der deutsche Biathlon plötzlich zur Tagesform zurückfindet. Die Quote wird trotzdem steigen – Schadenfreude ist eben auch ein Geschmack.

Die neue deutsche taktik: hoffen, dass der gegner auch mal daneben liegt
Philipp Horn nennt Kontiolahti seine „Jugend-WM-Heimspiel-Stätte“, Janina Hettich-Walz erinnert sich lieber an die Geburtstagstorte ihrer Tochter. Beide wollen in die Top Ten, was klingt, als reiche es, das Zielband zu berühren. Dabei ist die Konkurrenz nicht etwa gütiger geworden: Die Norweger tragen weiter ihre Höhenmasken, die Französinnen schlafen mit Goldstaub unter dem Kissen, und die Schweden frischen gerade ihre Wachsgeheimnisse auf.
Im DSV-Büro schreibt man sich trotzdem Mut aufs Whiteboard: „Keine Einzelstars, dafür Teamtiefe.“ Gemeint ist: Wir haben fünf Frauen und fünf Männer, die alle einen perfekten Tag brauchen. Die Wahrscheinlichkeit dafür entspricht etwa der, im Lotto mit dem Geburtstag der Oma zu gewinnen.
Was heute wirklich zählt – und warum es kein weltuntergang ist
Kontiolahti wird keine Wunder gebären. Es wird Schnee geben, Windböen, vielleicht ein verirrter Elch auf der Loipe. Aber es wird auch Momente geben, in denen ein einzelner Treffer im Stehendanschlag die Saison noch einmal umschreibt. Felix Bitterling sagt, man wolle „die Weichen für die nächste Saison stellen“. Das klingt nach Management-Sprech, meint aber: Wir wissen, dass wir jetzt zusehen müssen, wer sich traut, die Zukunft zu ertragen.
Der deutsche Biathlon ist nicht tot, er ist nur müde. Und manchmal ist müde der erste Schritt zu wach. Wenn Philipp Nawrath also um 16:55 Uhr am Sonntag in den Massenstart geht, zählt nicht die Medaille, sondern die Frage: Trauen wir uns, wieder anzugreifen? Die Antwort kommt nicht aus dem Mikrofon, sondern aus dem ersten Schuss. Falls der sitzt, rappelt sich ein ganzer Verband auf. Falls nicht, haben wir immer noch vier Monate bis zur Vorbereitung – und einen Elch, der weiß, wie das Spiel läuft.
