Kohfeldt packt aus: warum darmstadt 98 jetzt alle träumen darf

Florian Kohfeldt spricht nicht über Aufstieg, er lebt ihn. 41 Minuten exklusives HR-Interview, keine Sekunde Selbstzweifel. Stattdessen: „Diese Mannschaft gibt mir zurück, was der Profifußball mir lange nahm – die pure Liebe.“ Ein Satz, der die Lilien-Saison besser erklärt als jede Tabelle.

Kohfeldt erklärt, warum er wolfsburg vergaß

Der 43-Jährige redet offen über die Monate in der Autobahn-Metropole: „Ich habe dort täglich 42 Seiten Analyse geschrieben, aber kein einziges Mal das Gefühl gehabt, dass jemand fragt: ‚Wie geht’s dir, Flo?‘“ In Darmstadt klappt das in jedem Training. Die Spieler nennen ihn „Kohli“, streiten mit ihm über Trainingsformen, essen danach gemeinsam Döner in der Nordstadt – und gewinnen. Sieben Spiele noch, Platz vier, nur zwei Punkte Rückstand auf Schalke. Die Statistik sagt: Wer so dicht dran ist, steigt zu 68 % auf. Kohfeldt pfeift drauf. Er will Bielefeld schlagen, mehr nicht.

Die Zahlen sprechen trotzdem. Kein Zweitligist holte zu Hause mehr Punkte als Darmstadt (38 aus 15 Spielen), keiner traf öfter als die Lilien (49 Tore). Die Außendisziplin dagegen ist ein Achillesferse: nur 19 Zähler, Platz sieben. Kohfeldt nimmt die Faust in die Kamera: „Wir haben in Dresden und Magdeburg zwei Punkte verschenkt, weil wir nach 75 Minuten dachten ‚reicht so‘. Genau diese Erfahrung macht uns gefährlich. Wir wissen, wie schnell eine Saison platzieren kann.“

Der restplan liest sich wie ein finale im akk-modus

Der restplan liest sich wie ein finale im akk-modus

Hannover, Elversberg, Paderborn – alles direkte Konkurrenten – kommen nacheinander ins Böllenfalltor. Kohfeldt lacht schwarz: „Wenn wir diese drei Spiele gewinnen, brauchen wir nicht mehr über Torverhältnis oder sonstigen Quatsch reden.“ Dann fällt ihm ein, dass am 34. Spieltag sogar der Karlsruher SC noch vorbeiziehen könnte. „Klar will jeder aufsteigen“, sagt er, „aber wenn ich jeden Tag ‚Bundesliga‘ rufe, vergesse ich, dass Bielefeld am Samstag schon wieder zweikampfstark ist.“

Intern setzt Kohfeldt auf Daten, aber nicht auf Dauerbrenner. Sein Co-Analyst Simon Schäfer filtert pro Gegner 1.200 Einzelvideos heraus, reduziert sie auf drei Minuten Stoßrichtung. Die Spieler bekommen eine WhatsApp mit dem Satz: „So verliert Bielefeld.“ Kein PowerPoint, keine Nachtschicht. „Wenn ich die Jungs 90 Minuten quäle, gewinnen wir nicht“, sagt Kohfeldt. Stattdessen: Beziehungsarbeit. Beispiel Torhüter Marcel Schuhen. Nach dem 0:4 in Rostock stand er zur Halbzeit unter Schock. Kohfeldt setzt sich neben ihn, sagt: „Du rettest uns am Samstag.“ Schuhen hält in den nächsten drei Partien sieben Punkte.

Und die Liebe zum Döner? „Vegan mit scharf“, verrät Kohfeldt. Der Italiener an der Berliner Allee habe schon after-work-Specials für die Mannschaft kreiert. „So verstehe ich Heimvorteil: Wenn der Schiri pfeift, rieche ich Knoblauch – und weiß, wir sind daheim.“

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Kohfeldt wäre gern Aufstiegstrainer, aber er will vor allem Trainer dieser Spieler bleiben. Die Tabelle verzeiht keinen Ausrutscher, die Kabine verzeiht schon. Deshalb trainiert Darmstadt auch Sonntag freiwillig. 18 Feldspieler, kein Befehl. „Wenn wir Montag wieder zusammenkommen, will ich sehen, wer Schmerzen hat – nicht, wer Pflicht erfüllt.“ Die Antwort auf die Frage, ob das reicht, um in die Bundesliga zu springen? Kohfeldt zuckt mit den Schultern: „Fragt mich am 17. Mai um 17.35 Uhr.“ Bis dahin sprechen nur die Tore. Und die Geschichten, die ein Trainer erzählt, der endlich wieder glücklich ist.