Kipchoge knackt die zwei-stunden-marke – doch zählt der lauf wirklich?
Eliud Kipchoge hat es geschafft: Der kenianische Marathonläufer durchbrach am 10. Oktober 2023 im Prater von Wien die magische Zwei-Stunden-Marke und lief die 42,195 Kilometer in einer atemberaubenden Zeit von 1:59:40. Ein sportlicher Moment, der die Welt in Aufruhr versetzte – doch die Frage, ob dieser Triumph wirklich in die Geschannenhistorie eingeht, bleibt offen.

Der schatten der perfektion: warum der lauf nicht offiziell ist
Die Geschichte von Kipchoges Versuch, die Zwei-Stunden-Marke zu überwinden, ist komplex. Bereits zuvor hatte Haile Gebrselassie mit seinen Weltrekorden in Berlin (2007: 2:04:26 und 2008: 2:03:59) den Traum vieler Marathonläufer genährt. Kipchoge selbst stellte 2022 mit 2:01:09 einen neuen offiziellen Weltrekord auf. Doch das eigentliche Ziel war die absolute Grenze, die psychologische Barriere der 2:00 Stunden. Dafür inszenierte er den sogenannten „INEOS 1:59 Challenge“ – ein eigens konzipiertes Event, das jedoch nicht den offiziellen Richtlinien der World Athletics entsprach.
Das größte Hindernis: Die Unterstützung. Anders als bei einem regulären Marathon, bei dem Läufer auf sich allein gestellt sind, wurde Kipchoge während des gesamten Rennens von einem Team aus 41 Läufern unterstützt, die sich in einer V-Formation abwechselten, um ihn vor Windschatten zu schützen. Zusätzlich wurden ihm Wasser und Gels direkt vom Fahrrad überreicht, anstatt dass er sich wie bei einem regulären Rennen selbst bedienen musste. Ein Auto projizierte zudem ein Leuchtband, das das optimale Tempo vorgab – alles Maßnahmen, die in einem offiziellen Marathonlauf nicht erlaubt sind. Die Welt Athletics forderte zudem die Anwesenheit von Dopingkontrolleuren am Ziel, was hier nicht der Fall war.
Die Zahl spricht für sich: Kipchoge profitierte von einer perfekt inszenierten Umgebung, die ihn von allen Herausforderungen eines echten Wettkampfs befreite. Das Ergebnis ist zwar beeindruckend, aber eben auch das Resultat eines speziell inszenierten Experiments, kein Spiegelbild eines fairen Wettstreits gegen andere Athleten.
Während Sawe in einem regulären Marathon in London diese Voraussetzungen erfüllte, bleibt Kipchoges Leistung im Prater ein einzigartiger Moment – ein Beweis für die menschliche Leistungsfähigkeit unter idealen Bedingungen, aber eben nicht ein offizieller Weltrekord. Die Frage, ob dieser Lauf in die Sportgeschichte eingehen wird, hängt letztendlich davon ab, wie man den Begriff „Leistung“ definiert. Kipchoge hat die Zwei-Stunden-Marke zwar geknackt, doch der Triumph hat einen bitteren Beigeschmack.
