Kimmich wird zum doppelten raumdeuter – bayern-star erbt müllers erbe
Joshua Kimmich spielt sich in zwei Welten gleichzeitig. In München dirigiert er als Sechser das Spiel, für Deutschland verteidigt er rechts. Diese Doppelfunktion macht ihn zum neuen Raumdeuter – ein Titel, der bislang nur Thomas Müller trug.
Kimmichs doppelleben: sechser in münchen, außenbahn für die nationalelf
Beim FC Bayern ist Kimmich unter Vincent Kompany fest etabliert. Er bestimmt das Tempo, schaltet um, spielt die entscheidenden Pässe. 315 Bundesliga-Spiele, 31 Tore – keine gigantische Quote, aber jeder Treffer wiegt schwer. Das 3:2 in Dortmund war erst sein zweites Tor dieser Saison, doch es war der Siegtreffer. Nach dem Spiel sagte er, er habe nur darauf geachtet, „den Ball vernünftig zu erwischen“. Es klang bescheiden, war aber ein Schlag ins Gesicht des Gegners.
Julian Nagelsmann sieht das anders. Für ihn ist Kimmich nicht der Mann fürs Zentrum, sondern für die rechte Abwehrseite. „Ja, dabei bleibt es“, sagte er knapp. Der Grund ist einfach: Es gibt keine Alternative. Ridle Baku ist Ersatz, andere Kandidaten wie Nnamdi Collins sind durchgefallen. Kimmich ist also gezwungen, seine Weltklasse auf zwei Positionen zu teilen.

Goretzka profitiert – und steht trotzdem vor dem aus
Dass Kimmich rechts spielt, öffnet im Zentrum einen Platz. Leon Goretzka rutscht nach – trotz nur 101 Minuten in den letzten sieben Pflichtspielen. Seine Rolle ist klar: Profil für die Nationalelf, aber nur, weil Kimmich woanders gebraucht wird. Ein Paradox: Goretzka ist Gewinner und Verlierer zugleich. Er spielt, aber nur, weil er zweite Wahl ist. Sein Vertrag in München läuft aus, sein Name steht auf der Abstellliste.
Nagelsmann schwärmt trotzdem: „Stand jetzt wird Goretzka gute Chancen haben.“ Es klingt wie ein Trostpreis. Die Doppelsechs aus Pavlovic und Goretzka funktionierte in der Quali, aber sie ist ein Notprodukt. Ohne Kimmich in der Mitte fehlt der Taktgeber, der das Spiel liest wie ein Buch.

Die neue macht: kimmich wird kapitän – und erbe
Manuel Neuer wird aufhören. Dann rückt Kimmich auf. Er ist schon Vizekapitän, bald wird er die Armbinde tragen. Sein Vertrag läuft bis 2029, das ist kein Zufall. Die Bayern bauen auf ihn, auch wenn er nicht trifft wie ein Stürmer. Er trifft, wenn es darauf ankommt. In Dortmund. Im Mai 2020. Immer dann, wenn die Kurve brüllt und der Gegner kneift.
Die Fahne war nach dem 3:2 zerfetzt. Michael Olise warf das Stück wie ein Souvenir durch die Luft. Kimmich lachte. Er wusste: Das hier ist sein Terrain. Nicht nur das Stadion, sondern die Rolle. Der Raumdeuter. Der Mann, der zwei Positionen beherrscht und dabei trotzdem wie ein Gewinner aussieht.
Am Ende bleibt eine Wahrheit: Kimmich ist nicht mehr der junge Hoffnungsträger. Er ist das Erbe. Nicht nur von Müller, sondern von einer ganzen Ära. Und er trägt es mit dieser seltsamen Mischung aus Präzision und Provokation. Ein Spieler, der mit links trainiert, aber mit rechts trifft – und der mit beiden Beinen in der Geschichte steht.
