Kicker.ch packt aus: so pumpen schweizer fußball-fans ihre daten in die werbemaschine
Die RSMG kicker Schweiz AG und die Olympia-Verlag GmbH haben ihre Datenschutzerklärung frisch gewartet – und darin versteckt sich ein Offensiv-Pressing, das jeden Fan betrifft. Wer auf www.kicker.ch tippt, in der App stöbert oder am Managerspiel rittelt, liefert innerhalb von Sekunden ein halbes Dutzend persönlicher Eckbälle ab: IP-Adresse, Betriebssystem, Uhrzeit des Zugriffs, ja sogar die Website, von der man hereingeschossen kommt. Zweck der Aktion: „Funktionsfähigkeit und Optimierung“. Klingt harmlos, ist aber ein High-Pressing auf die Nutzerdaten.
Double-opt-in ist nur die fangfalle
Wer sich für kicker+ registriert, durchläuft ein Double-opt-in-Verfahren – klingt sicher, ist es aber nur auf den ersten Blick. Erst nach Klick auf den Bestätigungslink landet der User in der Datenbank, doch dann wird gnadenlos gesammelt: Vor- und Nachname, Adresse, Telefonnummer, selbst ein Profilbild. Die Rechtsgrundlage: Vertragserfüllung. Die Kehrseite: Einmal eingewilligt, darf die Plattform die Daten für „personalisierte Inhalte“ verwenden, also für Kommentarfunktion, Gewinnspiel, Shop und Co. Wer pseudonym spielen will, kann – doch hinter den Kulissen bleibt alles verknüpft über die KickerID, das Single-Sign-on, das alle Dienste wie ein Tor umzingelt.
Die Lösch-Frist wirkt wie eine Abseitsfahne: Sieben Tage, dann werden Logfiles gelöscht – außer, die IP-Adresse wird „verfremdet“. Was genau dahintersteckt, bleibt im Nebel. Klar ist nur: Eine echte Löschung ist keineswegs sicher, eher ein Taktikwechsel.

Newsletter-beast: salesforce trackt jeden klick
Die wahre Offensive lauert im Newsletter. Versender ist die Salesforce Marketing Cloud, Server stehen in EU und USA. Jede Mail enthält einen Pixel-„Beacon“, der beim Öffnen sofort meldet: wer, wann, wo und welchen Link geklickt. Nicht irgendeem Statistiker, sondern Salesforce selbst. Ziel: „technische Verbesserung der Services“ – sprich: Werbung, die ins Tor der eigenen Mailbox trifft. Die Einwilligung kann man widerrufen, die bis dahin gesammelten Daten bleiben aber legal. Ein VAR-Einspruch gibt es nicht.
Und das Drittland? Kein Problem, sagen die Verantwortlichen, wenn „Standard-Datenschutzklauseln“ greifen. Doch wer in den USA hostet, spielt auf fremdem Platz – und dort gelten andere Regeln. Die Schweizer Nutzer sind noch relativ geschützt, doch schon ein Klick auf Google Fonts (die hier zwar lokal gehostet werden) zeigt: Die Taktik-Karte ist voll marginalienreicher Ausnahmen.
Was wirklich bleibt: ein verschobenes tor
Für die Betroffenen gibt’s theoretelich sieben Rechte – Auskunft, Löschung, Widerspruch. In der Praxis aber lautet die Devise: Erstmal Filz ziehen. Wer Auskunft will, muss Ausweis kopieren und [email protected] mailen. Wer löschen will, darf vorher beweisen, dass kein Gesetz die Speicherung gebietet. Kurz: Das Spielfeld ist kleiner, als es die Broschüre verspricht.
Der Clue: Die eigentliche Leistung liegt nicht beim Fußball-Content, sondern im Daten-Pressing. Jeder User liefert Live-Statistiken, die sich in Werbe-Marktanteile umrechnen lassen. Ringier Advertising, die Vermarktungstochter, sitzt bereits auf der Ersatzbank und wartet auf Einwurf. Und das nächste Mal, wenn ein Tipp in letzter Sekunde landet, landet auch ein Datensatz – abgelegt, verknüpft, verkäuflich.
Die neue Datenschutzerklärung ist kein Regelwerk, sie ist ein Spielplan. Wer kickt, zahlt – und zwar mit seinen Daten. Abpfiff gibt’s nicht, weil die Uhr läuft weiter in der Cloud.
