Kemlein zerreißt den playoff-mantel: „wir müssen beide spiele gewinnen – punkt“

Aljoscha Kemlein hasst Fernsehfußball. Im Oktober saß der Union-Sechser mit verletztem Knöchel im Berliner Wohnzimmer, schaute zu, wie die deutsche U-21 erst Griechenland verkloppt und dann Nordirland rettete – und spürte, wie ihm die Zeit durch die Finger rann. Am Freitag (18.00 Uhr, Braunschweig) tritt er selbst an, und was er sagt, klingt wenig nach 21, sondern nach einem Mann, der schon Relegationen überstanden hat. „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand. Jeder Punkt ist ein Kratzer im Ticket. Also: beide Spiele gewinnen – Punkt.“

Nordirland ist nur der anfang, griechenland der endgegner

Die Gruppe F ist ein Pulverfass. Drei Teams trennen drei Punkte, Tabellenführer Griechenland wartet am Dienstag in Athen. Kemlein lacht nicht, als er von „ekligen Nordiren“ spricht – lange Bälle, zweite Drehung, „die machen dir die Hüfte kaputt“. Bundestrainer Antonio Di Salvo wird ihn neben Kapitän Tom Bischof aufstellen, ein Duo, das schon in der Bundesliga gegeneinander gespielt hat – nun gemeinsam den Klassenerstand der deutschen U-21 sichern soll.

Die Rechnung ist simpel: Sieg gegen Nordirland plus Dreier in Athen bedeutet Platz eins und direkte EM-Qualifikation. Alles andere ist Relegationslotterie. Kemlein kennt die Statistik: Nur der beste Gruppenzweite rutscht durch, die restlichen acht müssen Play-offs. „Wir wollen nicht warten, wir wollen jetzt.“

Kade warnt vor „hässlichkeit“ – kemlein schaltet offensive

Kade warnt vor „hässlichkeit“ – kemlein schaltet offensive

Anton Kade, Flügelstürmer von Borussia Dortmund, warnt vor „Hässlichkeit“. Gemeint ist die Art von Spiel, bei der der Ball öfter durch die Luft als über den Rasen fliegt. Kemlein nickt: „Genau deshalb bin ich da.“ Er spricht von „Verticalität“, von „Räume hinter der ersten Pressinglinie“, von Bischof als „Deep-Lying-Distributor“, der ihn freimacht für die Box. Dabei wirkt Kemlein wie ein Spieler, der schon länger in der U-21 ist, als seine sieben Länderspiele verraten.

Die Verletzung im Oktober war seine erste langfristige Auszeit seit der A-Jugend. „Plötzlich bist du Zuschauer, merkst, wie schnell der Zug vorbeirauscht.“ Er trainierte mit Physioband, schaute jedes U-21-Spiel zweimal: einmal live, einmal in Einzelbildern. „Ich habe gesehen, was fehlte: Ballsicherheit im Mittelfeld, zweiter Ball, aggressive Gegenpressing-Formation.“ Genau das will er liefern.

Die u-21 ist kein entwicklungsprojekt mehr – sie ist ergebniswirtschaft

Die u-21 ist kein entwicklungsprojekt mehr – sie ist ergebniswirtschaft

Früher war die deutsche U-21 ein Labor, heute ist sie ein Unternehmen. Die EM-Endrunde 2025 in Albanien/Serbien ist nicht nur sportlich wichtig, sondern auch ökonomisch: jeder Sieg bringt Punkte für den UEFA-Koeffizienten, jedes Ticket sichert TV-Gelder. Kemlein spricht offen davon: „Wir wissen, dass die DFB-Kasse auf uns schaut.“ Die Verbandsliga jubelt, wenn die Junioren punkten – und drückt, wenn sie patzen.

Di Salvo hat intern klare Ansagen gemacht: „Kein Experiment, kein Spaß. Wir sind hier, um zu gewinnen.“ Kemlein zitiert den Coach wörtlich: „Wer nicht bereit ist, 96 Minuten zu rennen, fliegt raus.“ Die Aussicht auf Griechenland am Dienstag ist bereits in den Knochen, doem erst muss Nordirland weg. „Wenn wir da straucheln, ist Athen egal“, sagt Kemlein und klingt dabei wie ein Mann, der schon weiß, wie schnell eine Saison platzen kann.

Kapitel eins: länderspiel nummer sieben – vielleicht die wichtigste

Kapitel eins: länderspiel nummer sieben – vielleicht die wichtigste

Am Freitagabend wird Kemlein vor 20.000 in der Eintracht-Stadion stehen, Bischof an der Seite, hinter ihm ein halbes Team, das bald Bundesliga-Luft schnuppern will. Er selbst hat einen Vertrag bis 2026, Union plant mit ihm, doch er weiß: „Eine gute U-21-EM ist ein Sprungbrett, eine schlechte kann dich zurückwerfen.“ Deshalb redet er nicht von „Erfahrung sammeln“, sondern von „abliefern“. Und weil er Berliner ist, sagt er es so knapp wie ein Tweet: „Gewinnen, gewinnen, nach Hause fahren. Alles andere ist Geschwätz.“

Die deutsche U-21 hat seit 18 Monaten kein relevantes Spiel mehr verloren – verpasste trotzdem den Gruppensieg. Kemlein will diesmal nicht zuschauen, sondern bestimmen. Wenn er in Athen aufläuft, könnte bereits alles klar sein. Oder alles offen. „Dann schreien 40.000 Griechen. Umso besser. Lärm erinnert dich daran, warum du spielst.“

Am Mittwochabend steht er nach dem Training noch einmal allein auf dem Platz, schießt Bälle in die leere Kurve. Die Fernsehkameras sind weg, die Reporter auch. Nur der Platzwart schaut zu. Kemlein trifft, zehnmal, zwanzigmal. Dann packt er die restlichen Bälle ein, geht Richtung Kabine. Kein Spruch, kein Statement. Die Botschaft ist längst klar: Er will nicht mehr zuschauen. Er will endlich jubeln.