Kassel wird zur schutzzone: bund und länder gründen safe-sport-zentrum gegen gewalt
Endlich tun sie nicht nur reden. Nach Jahren halbheriger Absichtserklärungen schlägt die Politik in Sachen Gewaltprävention im Sport ein Schneisen. Das künftige Zentrum für Safe Sport residiert ab Herbst 2026 in Kassel, hat Sanktionsbefugnis und will Täter:innen nicht länger schützen.

Warum kassel den zuschlag kassierte
Die Wahl fiel auf die documenta-Stadt, weil hier bereits das Deutsche Sportabzeichen-Netzwerk und die Expertengruppe „Sport und Menschenrechte“ arbeiten. Zudem bietet das Land Hessen eigene Fördermittel, womit sich Bund und Länder die Kosten teilen. Christiane Schenderlein, Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, nannte den Standort einen „Knotenpunkt von Kompetenz und Unabhängigkeit“ – ein Seitenhieb auf die Verbände, die bislang intern ermittelten.
Das Zentrum soll drei Aufgaben bündeln: Intervention, wenn Trainer Grenzen überschreiten, Prävention, indem Schulungen für Vereine Pflicht werden, und Aufarbeitung durch ein transparentes Schiedsgericht. Gelder in Höhe von 15 Millionen Euro stehen bis 2028 bereit, personalisiert wird die Einrichtung mit 50 Vollzeitkräften – darunter Rechtsanwälte, Sexualpädagoginnen und ehemalige Spitzensportler, die als Peer-Berater auftreten.
Die Timeline ist ambitioniert: Pilotbetrieb startet Oktober 2026, regulärer Betrieb Juli 2027. Bis dahin müssen 16 Landesgesetze angepasst werden, damit das Zentrum Befragungsrechte und Akteneinsicht erhält. Verbandsinterne Schweigekulturen sollen so endlich bröckeln.
Ein erster Test kommt schon im Dezember: Der Fall einer 14-jährigen Turnerin, deren Klage gegen einen Bundesliga-Verein bislang vor Landessportgerichten schlummerte, wird neu aufgerollt. Die Akten liegen in Kassel bereit. Dort will man klären, ob die Funktionäre die Vorwürfe vertuscht haben – und gegebenenfalls empfindliche Geldstrafen verhängen.
Für Athlet:innen bedeutet das: Sie erhalten eine Anlaufstelle außerhalb des eigenen Vereins, mit Hotline, psychologischer Soforthilfe und Rechtsbeistand. Die Angst, Karriere und Förderung zu verlieren, wenn man an die Öffentlichkeit geht, soll sinken. Die Zahmen bleiben trotzdem: 2025 zeigten laut einer Spiegel-Umfrage 38 Prozent der befragten Leistungssportler Erfahrungen mit Gewalt, doch nur jede siebte Anzeige landete vor Gericht.
Schenderlein betonte am Donnerstag auf Norderney, das Zentrum werde „nicht die Lösung für alle Probleme“ sein. Aber es ist ein Hebel. Wenn sich erste Urteile verflüchtigen und Namen genannt werden, zittert nicht nur der Kasseler Sand, sondern der gesamte deutsche Sportboden. Die Bundesligavereine haben bislang geschwiegen, doch ihre Jugendabteilungen müssen sich ab 2027 zertifizieren lassen – sonst droht Punktabzug.
Fazit: Der Startschuss ist gefallen, die Uhr läuft. In 18 Monaten wissen wir, ob das Zentrum für Safe Sport ein echter Torjäger ist oder nur ein Strohmann. Für Betroffene heißt das: Die Erlösung kommt nicht über Nacht, aber sie kommt mit Aktenzeichen und Konsequenzen. Der Rest ist Training.
