Kassel huskies jagen den sechsten anlauf: playoff-fieber jetzt ohne netz und doppelten boden

Die Scheibe liegt wieder zwischen den dots, und die Huskies schnüren ihre Schlittschuhe zum sechsten Mal für denselben Traum: raus aus der DEL2, rein in die große Liga. Nach fünf verpatzten Aufstiegsversuchen startet Kassel heute Abend (19.30 Uhr, Eissporthalle) gegen Lausitzer Füchse in die Viertelfinal-Serie – und diesmal haben sie ihre Hausaufgaben sogar schon abgegeben.

Warum diese playoffs anders riechen als alle zuvor

2022 verspielten die Nordhessen den Aufstieg am Schreibtisch, weil ein Aktenstapel zu spät beim DEB landete. Diesmal tickerte die Meldung rechtzeitig durch den Verbandsserver: Kassel ist dabei, Weißwasser nicht. Das schrumpft das Feld der potenziellen Aufsteiger von acht auf sechs – und verleiht jedem Sieg schon im Viertelfinale zusätzlichen Punch. „Wir wollen endlich die Zuckerdose erreichen“, sagt Hans ‚Hooligan‘ Detsch, der seit 2021 jeden Frühling aufs Neue dieses Mammutprogramm durchläuft, „aber diesmal rechnen wir nicht mit der nächsten Runde, bevor die erste gewonnen ist.“

Die Zahlen sprechen für die Huskies: 87 Punkte aus 52 Spielen, zweitbeste Offensive der Liga (194 Tore), drittbeste Defensive (127 Gegentore). Doch Statistikblätter verblassen in der Postseason. Erinnerungen bleiben – etwa an das 2024er Finale gegen Bietigheim, als Kassel nach einer 3:1-Führung noch mit 3:4 unterlag. Oder an 2025, als die selbst ernannten „IceBears“ aus Bayreuth im Halbfinale die Serie in sieben Spielen drehten.

Lausitzer füchse: der außenseiter mit liebe zum krisenmodus

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Die Oberlausitzer kommen als Tabellenacht mit nur 57 Punkten – und gerade deshalb warnen Analysten vor ihnen. „Sie haben nichts zu verlieren“, erklärt Co-Trainer Felix Petring, „und wenn eine Mannschaft unbeschwert aufläuft, wird sie gefährlich.“ In der Regular Season gewann Kassel drei der vier Duelle, doch das letzte Duell (4:2) entglitt den Füchsen erst in der Schlussphase. Torjäger Colin Jacobs (32 Saisontreffer) und Goalie Kevin Reich (92,3 % Fangquote) bilden das Kernstück eines Kaders, der in Weißwasser selbst die großen Clubs quälte.

Für die Huskies zählt jetzt vor allem die erste Viertelstunde. „Wenn wir früh die Bockwurst kochen, ist die Halle mucksmäuschenstill“, sagt Detsch mit einem Grinsen, das die Narben der vergangenen Playoffs verrät. Die Fans haben bereits 9.200 Tickets für Spiel eins gebucht – Rekord in der DEL2-Historie. Die Stehplatztribüne ist seit Tagen ausverkauft, die Dauerkarteninhaber haben ihre Schals schon umgehängt, als ginge es um den Pokal, nicht nur um den Viertelfinal-Einzug.

Der plan: schritt um schritt, aber mit offenem visier

Der plan: schritt um schritt, aber mit offenem visier

Coach Bill Stewart rotierte in den letzten Wochen durch alle vier Reihen, um Frische zu wahren. Top-Scorer Markus Keller (58 Punkte) soll neben Detsch die erste Powerplay-Welle ankurbeln, Verteidiger Moritz Wirth übernimmt die physische Komponente gegen Jacobs. Dahinter steht Goalie Dennis Endras, 38 Jahre alt, 142 DEL-Einsätze – und ein Mann, der weiß, dass jeder Schuss in diesen Wochen Geschichte schreiben kann. „Ich bin kein Romantiker“, sagt Endras, „aber wenn du in Kassel spielst, spürst du die Last der Geschichte mit jedem Einstieg in die Kabine.“

Nach dem heutigen Auftritt geht es am Freitag nach Weißwasser, danach stehen bis zu fünf weitere Partien auf dem Plan. Die Serie ist die erste Hürde, aber längst nicht die einzige: Halbfinale, Finale – insgesamt maximal 21 K.o.-Spiele in 42 Tagen. „Wir wissen, dass am Ende nur einer feiert“, sagt Detsch, „aber wir haben endlich wieder das Heft in der Hand.“

Die Uhr in der Eissporthalle tickt bereits. In 28 Sekunden wird die erste Bully gespielt – und mit ihr beginnt für die Huskies ein neuer Frühling. Sechster Versuch, tausend Träume, null Garantien. In Kassel sagt man: Wer nicht mehr fallen kann, fliegt. Heute Abend wollen die Huskies beweisen, dass sie längst wieder zu den großen Vögeln der deutschen Eishockey-Luft gehören.