Kahn: der moment, der eine karriere definierte – und zerbrach

Vor 24 Jahren, am 30. Juni 2002, stand Oliver Kahn am Rande des Absturzes. Nicht physisch, sondern emotional. Das WM-Finale gegen Brasilien, ein Spiel, das Deutschland so nah am Traum vom fünften Titel hatte, endete in einer persönlichen Tragödie für den legendären Torwart.

Ein titan im freien fall

Die Welt erinnert sich an Oliver Kahn für seine unzähligen Glanzleistungen. Für seine unglaublichen Paraden, die er aus dem Hut zauberte, um sein Team immer wieder zu retten. Bei der WM 2002 hatte er eine Mannschaft, die bestenfalls als mäßig talentiert zu beschreiben war, nahezu im Alleingang ins Endspiel getragen. Reiner Calmund, der damalige Manager von Bayer Leverkusen, brachte es auf den Punkt: „Bei uns waren Kahn und der Papst die besten Spieler.“ Doch genau in diesem Moment, als der Triumph so greifbar schien, schien Kahn selbst zu versagen.

Die deutsche Elf, ohne den gesperrten Michael Ballack, zeigte im Finale gegen Brasilien ihre beste Turnierleistung. Doch dann kam der Patzer. In der 67. Minute ließ Kahn einen scheinbar harmlosen Schuss von Rivaldo abprallen – ein Geschenk, das Ronaldo dankend annahm und zum 1:0 für die Selecao verwandelte. Das 2:0 durch „Il Fenomeno“ besiegelte die Niederlage. Brasilien war Weltmeister, und Kahn, der Titan, war auf dem Rasen von Yokohama zusammengesunken, ein Häufchen Elend.

Gedanken in einer anderen welt

Gedanken in einer anderen welt

„Ich war gedanklich in einer anderen Welt, nicht im Hier und Jetzt“, gestand Kahn später dem kicker. Er hätte sich „am liebsten irgendwohin gebeamt“. Die Auszeichnung zum besten Spieler des Turniers, die er bereits vor dem Finale erhalten hatte, konnte ihm in diesem Moment keinen Trost spenden. Er musste mit seinem Fehler leben – einem Fehler, der weltweit Schlagzeilen machte. USA Today schrieb von einem „Verhexen“, AS bezeichnete ihn als „Kahn, den Schrecklichen, der auch nur ein Mensch ist.“

Rudi Völler, der damalige Teamchef, relativierte: „Ohne Oli wären wir gar nicht hier gewesen.“ Das Lob war zwar ehrlich, änderte aber nichts an der bitteren Realität. Kahn selbst erklärte seinen Fehlgriff Jahre später mit dem immensen Druck, dem er sich immer wieder selbst aussetzte. „Druck, Druck, Druck“, ein Mantra, das sich in seiner beeindruckenden Karriere oft genug auf dem Platz entlud.

Heute, 24 Jahre später, wird Kahn kaum noch auf diesen einen Fehler angesprochen. Er selbst ist mit der Geschichte im Reinen. Aber die Erinnerung an jenen Moment in Yokohama bleibt – eine Mahnung, dass selbst die größten Helden menschlich sind und Fehler machen. Eine Erinnerung daran, dass der Fußball manchmal unbarmherzig sein kann. Der Druck, dem ein Sportler ausgesetzt ist, kann ihn brechen, selbst wenn er ein Titan ist.