Johannes thingnes bö hängt gewehr an den nagel und zapft an: biathlon-bar in kongsvinger

Der Mann, der 179 Weltcup-Siege auf dem Konto hatte, zapft jetzt selbst an. Johannes Thingnes Bö, 32, fünfmaliger Olympiasieger und Rekordweltmeister, eröffnet im Herbst eine Bar in Kongsvinger – 80 Kilometer nordöstlich von Oslo. Keine Analysten-Karriere, kein Traineramt, kein Wellness-Start-up. Stattdessen Wein, Snacks und ein Counter aus Eiche. Der Biathlon-Terminator wird Gastronom.

Die idee reifte im wohnzimmer

Nach dem Rücktritt fragte ich mich ständig: Schaffe ich es, mir selbst einen Job zu erfinden?“, sagt Bö der norwegischen Zeitung Dagbladet. Mit an Bord: Ehefrau Hedda und die erfahrene Gastronomin Mari Söbye Östlid. Drei Gesellschafter, ein Ziel – einen Ort bauen, an dem der Wintersport nicht nur läuft, sondern auch geschmeckt wird. Auf Instagram ist das Projekt bereits unter dem Namen „Bö & Co“ gelistet, Follower-Zahl: binnen 24 Stunden über 120 000.

Der Standort ist kein Zufall. Kongsvinger hat 12 000 Einwohner, aber kein Lokal, das nach 22 Uhr noch Leben spüren lässt. Bö kennt die Gegend aus Nachwuchs-Trainingslagern. „Die Leute fahren sonst nach Sverige, um feiern zu gehen. Das wollen wir ändern“, sagt er. Investitionssumme: umgerechnet 1,3 Millionen Euro, finanziert aus Preisgeldern und Sponsor-Altverträgen. Eröffnungstermin: 12. September 2026, pünktlich zum Skisport-Auftakt im Fernsehen.

„Biathlon war ein aufwärmprogramm“

„Biathlon war ein aufwärmprogramm“

Den Vergleich zum Wettkampf zieht Bö mit Vorliebe. „Die Saisonvorbereitung war ein Spaziergang. Jetzt kommt der steile Hang“, lacht er. Trotzdem schreckt er davor zurück, selbst hinter dem Tresen zu stehen. „Ich werde kein Barkeeper, ich bin Geschäftsführer. Meine Frau misst die Weintemperatur, ich messe den Umsatz.“ Die Aussage klingt wie ein Bonmot, ist aber Strategie: Bö will die Marke „Bö“ nutzen, ohne sie zu versaufen. Signature Drink: ein Rotes mit Zimt-Note – angelehnt an den berühmten norwegischen Holzfass-Glühwein, den er nach jedem Sieg trank.

TV-Stationen hatten ihn nach seiner letzten Saison 2024/25 als Experten verpflichtet. Die Quote stieg, aber das Adrenalin fiel. „Ich merkte: Wenn ich nicht mehr auf dem Podium stehe, muss ich wenigstens auf einer Bühne stehen“, sagt er. Die Bar wird mit einer 6-Meter-Leinwand ausgestattet, auf der er künftig Weltcup-Übertragungen kommentiert – live, ungeschönt, ohne Sendezeit-Limit.

Die konkurrenz reagiert gelassen

Die konkurrenz reagiert gelassen

Im 50-Kilometer-Umkreis betreibt die Kette Olafsen Brygghus vier Lokale. Geschäftsführer Lars Olafsen kommentiert trocken: „Wenn ein Weltmeister auftaucht, wird das Geschäft härter. Aber Bier ist Bier.“ Bö kontert mit Zahlen: „Meine Fangemeinde reist. Ein Sieg in Oslo bringt 30 000 Zuschauer ins Stadion. Wenn nur jeder Zehnte nach Kongsvinger kommt, haben wir ausverkauft.“

Die Genehmigungen stehen, das Personal ist vertraglich gesichert. Bleibt eine Frage: Schafft er den Spagat zwischen Promi-Status und Bilanz-Buch? Bö zuckt mit den Schultern. „Ich habe 13 Jahre jeden Morgen um 6 Uhr das Loch getroffen. Jetzt muss ich nur noch jeden Abend um 23 Uhr das Kassen-Ziel treffen.“ Die Bilanz wird er am 31. Dezember ziehen – auf Instagram, live, mit einem Glas eigenen Zimtweins in der Hand. Keine Show, nur Business. Und wenn es läuft, plant er bereits den zweiten Standort in Lillehammer. Dann allerdings mit eigenem Brauerei-Keller. Denn Biathlon war nur der Anfang. Die wirkliche Zielscheibe heißt Gastronomie – und die ist kleiner als ein Biathlon-Stadion, aber erbarmungslos wie ein Steher-Wind auf der Schießbahn.