Johanna recktenwald knapp an zweiter paralympics-medaille vorbei
Johanna Recktenwald ist in der Verfolgung Vierter geworden – 2,7 Sekunden fehlten auf Bronze. Eine Jury prüft nachträglich eine Minuten-Gutschrift für Leonie Walter. Recktenwald könnte auf Platz fünf zurückfallen.
Recktenwald liefert sich zweikampf mit eigenem guide
Die 27-Jährige musste auf ihre feste Begleitläuferin Emily Weiß verzichten, weil diese an einer Magen-Darm-Infektion laboriert. Ersatzguide Nico Riepl stieg erst vor zwei Tagen ins Weltcup-Geschehen ein. Trotzdem blieb Recktenwald beim ersten Schießen fehlerfrei, beim zweiten Anschlag klappte nur vier von fünf Treffern. Die Straßen von Pragelato waren aufgeweicht, die Spur unübersichtlich – ideale Bedingungen für Sehbehinderte, sagt kein Athlet.
Im Ziel schüttelte sie kurz den Kopf, atmete tief durch und lachte dann: „Ich wollte die Medaille, klar. Aber das Rennen war trotzdem ein Riesenschritt.“ Die Bronzemedaille von Sonntag hatte sie als erste deutsche Frau überhaupt im Para-Biathlon geholt. Der vierte Rang ist ihr bestes Ergebnis in der Verfolgung seit Sotschan 2014.

Das protokoll entscheidet nachträglich
Leonie Walter kassierte beim ersten Schießen einen versteckten Materialschaden: Die Visiereinheit ihres Gewehrs ließ sich nicht korrekt einrasten, sie verlor fast 50 Sekunden. Der deutsche Verband legte Einspruch ein, die Jury sprach eine Kompensationszeit von 60 Sekunden aus. Das Finale Ranking wird heute Abend verkündet. Für Recktenwald heißt das: Entweder sie bleibt Vierter oder rutscht auf Platz fünf – ein Unterschied von 500 Euro Siegprämie und wichtigen Weltcup-Punkten.
Der Deutsche Behindertensportverband reagierte mit gemischten Gefühlen. „Wir wollen faire Wettkämpfe, nicht Nachschlagerennen“, sagte Sprecherin Lisa Groß. Intern wollen einige Trainer die Regel prüfen lassen, dass Guides kurzfristig getauscht werden dürfen – ein Vorteil, den Recktenwald diesmal nicht hatte.

Was bleibt, ist der blick nach vorn
Morgen steht der Langlauf über zehn Kilometer an. Recktenwald hat sich vorgenommen, „die Beine noch einmal zu wechseln“, wie sie es nennt. Die Medaillenchancen gelten als gering – die Konkurrenz aus der Ukraine und Frankreich ist auf Distanz stärker eingeschätzt. Doch wer die Saarländerin kennt, weiß: Sie liebt die Rollen, die keiner erwartet.
Die Faszination des Sports lebt von solchen Geschichten. Eine Athletin, die im Nebel läuft, auf eine Begleiterin verzichten muss und trotzdem vorne mitmischt. Die Uhr tickt weiter, die Jury tagt, das Publikum im Stadion applaudiert schon dem nächsten Starter. Recktenwald packt ihre Brille ein, tätschelt Nico Riepl die Schulter. Für sie zählt nur das nächste Ziel – und das steht in 22 Stunden auf der Langlaufbahn. Die Medaillen haben ihre Farbe bereits. Die Geschichten bekommen ihre neue.
