Johanna holzmann fordert medienrevolution für parasport: zwischen olympia muss endlich schluss sein

Johanna Holzmann hat es satt. Vier Jahre lang Stille, dann zwei Wochen Hype – der Parasport verdient mehr als einen Kurzauftritt alle 1.460 Tage. Die 30-Jährige, die in Peking noch selbst im Skicross-Startkorb stand, sprach am Samstag in Cortina d'Ampezzo Klartext: Die Geschichten hinter den Athleten sind zu gut, um sie im Schatten der Olympischen Ringe verstauben zu lassen.

Die wildcard war erst der anfang

Seit Sommer 2025 leitet Holzmann die 17-jährige Maya Fügenschuh als Guide durch Torstangen und Steilkurven. Das Duo fuhr sich in Norditalien auf Anhieb zwei Top-Ten-Plätze heraus: Neunter im Riesenslalom, Zehnter im Slalom. Doch die Ergebnisliste ist nur ein Teil des Puzzles. „Die Medien schreiben über uns, wenn die Paralympics starten, und vergessen uns, sobald die Flutlichte ausgehen“, sagt Holzmann. Sie kennt das Timing: Am selben Tag, an dem die letzte Goldmedaille vergeben ist, wandern die Kameras bereits zum nächsten Weltcup im alpinen Skisport um.

Holzmann selbst hat die Kehrtwende erlebt. Nach Peking 2022 schien ihre Karriere abgehakt, doch das Telemark-Depot ihrer Heimat im Sauerland rief sie zurück. Dort entdeckte sie die Möglichkeit, als Seh-Guide zu fungieren. Die Bundeswehr-Sportförderung stellte Material, der Skiverband organisierte Testfahrten. Drei Monate später saß sie in einem Seiten-by-Seiten-Schlitten und gab Tempokommandos per Funk. Die neue Aufgabe veränderte ihre Sicht auf Öffentlichkeitsarbeit radikal: „Wenn du plötzlich für jemand anderen fährst, merkst du, wie wichtig Sichtbarkeit ist.“

Tv-programm versus realität

Tv-programm versus realität

Die Zahlen liefern Holzmann reichlich Munition. ARD und ZDF übertragen während der Paralympics durchschnittlich 1.200 Stunden, daraus resultieren Quoten von bis zu 1,9 Millionen Zuschauern. Zwischen den Spielen? Fernsehzeit für Rollstuhlbasketball oder Goalball rutscht auf ein Nischendasehen von 0,02 Prozent Marktanteil ab. Sponsoren folgen dem Blickwinkel: Während ein olympischer Athlet im Snowboard-Klassiker zwischen 30.000 und 50.000 Euro Prämie kassiert, bleibt für einen Parasportler meist nur das Startgeld von 350 Euro pro Weltcup-Rennen.

Holzmann nennt das „Vier-Jahres-Loch“. Es frisst nicht nur Geld, sondern vor allem Talente. „Mädchen wie Maya gucken sich das an und denken: Warum soll ich mich quälen, wenn keiner zusieht?“ Der Nachwuchs brauche Vorbilder, die man auch außerhalb der Medaillenhitliste wiedererkenne. Dafür fordert sie ein kleines, aber folgenreiches Reformpaket: fixe Sendeplätze im Sportschau-Nachmittag, ein „Parasportler des Monats“ analog zum Athleten-Pokal und ein Crowdfunding-Topf, aus dem Vereine Livestreams finanzieren können.

Kurz vor Ende des Gesprächs zieht Holzmann ihr Handy hervor. Ein Foto: Fügenschuh lacht nach dem Slalom, im Hintergrund ein halb leerer Zuschauerhang. „So sieht Alltag aus“, sagt sie. „Nächstes Jahr will ich dieses Bild posten und die Tribüne muss voll sein.“ Sie lacht, aber die Stimme wird hart. „Weil ich weiß: Wenn wir das nicht schaffen, verlieren wir nicht nur Zuschauer – wir verlieren Sportlerinnen.“