Jacquelin wechselt vom schießstand aufs rad – und das mit 30
Émilien Jacquelin schläft nicht. Der fünfmalige Biathlon-Weltmeister packt am 1. Mai seine Zahnschutz-Scheibe ein, schwingt sich auf ein Carbon-Canyon und fährt für Decathlon-CMA CGM mit Profis in den Breakaway. Sechs Monate lang. Sein Vertrag: Praktikum. Sein Ziel: Spitzenpeloton. Seine Devise: «Ich will auf höchstem Niveau starten.»
Der macht jetzt, was er will
Die Franzosen haben ein Wort für Typen wie ihn: baroudeur. Jemand, der aus der Norm fällt, weil er kann. Jacquelin ist 30, frisch mit Gold und Bronze aus Italien zurück, Gesamtweltcup-Fünfter. Jeder andere würde den Sommer nutzen, um Pulsschlagsintervalle auf der Loipe zu zimmern. Er sucht sich stattdessen 200 Watt auf dem Heuvel.
Die Idee reift seit Jahren. Marco Pantanis Sturzflüge im Mortirolo haben ihn als Jugendlicher auf dem Hometrainer schwitzen lassen. Sein Ohrring, geliehen von Pantanis Familie, pendelte schon in Peking und Cortina mit. Jetzt trägt er nicht nur das Andenken, sondern das Trikot eines WorldTour-Teams. Das ist kein Marketing-Cameo, das ist gelebte Fan-Fiktion.
Decathlon-CMA CGM spielt mit. Die Franzosen suchen seit der Neueinstieg-Lizenz nach Charakteren, die die Marke über die klassischen Radsparten hinaus tragen. Jacquelin bringt 1,86 m, 74 kg, einen VO2max-Wert vom anderen Stern und eine Story, die Sponsorenherzen höherschlagen lässt. Der Deal: Startrecht bei .Pro- und .1-Rennen, kein Druck auf Gesamtklassement, dafür Content, Daten, Aufmerksamkeit. Ein Win-win mit Winterreifen.

Biathlon-boss segnet ausflug ab
Jean-Baptiste Quiclet, Leistungssportdirektor der französischen Skiföderation, unterschreibt ohne zu zögern. «Radfahren ist Kern seines Vorbereitungszyklus», sagt er. Die Staffel-Stammkraft bekommt freie Hand, solange die 2030-Alpen-Heimspiele auf dem Kalender stehen. Der Verband zahlt keinen Cent, fordert aber monatliche Leistungsdaten. Wissenschaftler lieben Vergleichswerte – besonders wenn sie zwischen Sprint und Zeitfahrrad entstehen.
Jacquelin selbst schaltet runter, nur verbal. «Ich lebe meinen größten Kindheitstraum», postet er auf Strava, Sekunden nachdem er 3 W/kg über den Mont Ventoux gedüst ist. Die Reaktionen brechen ein: Profis wie Romain Bardet loben die Mutprobe, Biathlon-Kollegen wittern Neid, weil sie selbst nur Rolle fahren.
Was heißt das für den Sport? Vielleicht, dass Spezialisierung out ist. Die Athletik eines Hochleistungsläufers plus die Ausdauer eines Radprofi ergibt ein Hybridmodell, das Olympia-Zyklen überdauern kann. Jacquelin testet, ob die Zukunft in Cross-Over-Modellen liegt. Scheitert er, kehrt er mit neuen Laktatwerten zurück. Gewinnt er, reicht ein einziger Frühling, um das Narrativ des modernen Ausdauersports umzuschreiben.
Fakt ist: Am 1. Mai steht er in Valence am Start. Kein Schneegestöber, kein Windfang, nur Asphalt, der sich in Hitze wellt. Ein Weltmeister, der sich neu erfindet – und damit beweist, dass 30 kein Alter ist, sondern eine Startnummer.
