Italiens motorsport-blitz: antonelli und bezzecchi schreiben geschichte
Es ist Sonntagabend, die Ampeln sind aus, und ganz Italien atmet durch: Kimi Antonelli und Marco Bezzecchi führen nach einem verrückten Rennwochenende gleichzeitig die WM-Tabellen der Formel 1 und der MotoGP an – das stand seit 1952 nicht mehr zu Buche.
Ein tag, der in die annalen eingeht
Goiania, Austin, Portimao – drei Strecken, drei Siege, ein Land in Ekstase. Antonelli fuhr in Brasilien allen davon, während Bezzecchi in Texas die fünfte MotoGP-Saison-Erfolge in Folge einfährt. Dazu setzte Nicolò Bulega in der Superbike-WM in Portimao den nächsten italischen Ausrufezeichen, und Guido Pini beendete in der Moto3 die vierjährige Durststrecke ohne italischen Winner. Nur Celestino Vietti verpasste in Moto2 als Zweiter hinter Senna Agius das perfekte Bild um Haaresbreite.
Die Zahlen sind von schwindelerregender Schönheit: Bezzecchi baute seine Bestmarke auf 121 Runden in Folge an der Spitze aus – mehr als je ein Italiener zuvor und nur noch hinter Jorge Lorenzos 103 aus 2015. Sein Aprilia RS-GP schien auf Mittelgummis unantastbar, während Ducati-Pilot Fabio Di Giannantonio nach dem Rennen offen zugab: „Wir waren nur die fünfte Kraft, das Podium war außer Reichweite.“

Ducati sieht die eigene dominanz schwinden
Was niemand erwartete: Die Aprilia schlägt nicht nur zu, sie demoliert die alte Ordnung. Zweimal Doppelsieg in Brasilien und Texas, dreimal in den letzten vier Rennen – zuvor gelang der Marke aus Noale in 327 Grands Prix nur ein einziges Mal diese Kunststück. Und während die Ducati-Datenrechner noch nach Hitze, Reifen-Carcasse oder Setup-Schnitzereien suchten, lieferte Austin den endgültigen Beweis: Die RS-GP bremst später, dreht schneller, spart Reifen. „Sie fahren mit dem Vorderrad, wir hängen am Hinterrad“, so Di Giannantonio.
Bezzecchi selbst spielt inzwischen in der Liga der Unsterblichen. Fünf Siege nacheinander in der Königsklasse schafften vor ihm nur Agostini, Hailwood, Surtees, Duke, Doohan, Rossi und Márquez. Wer die ersten drei Saisonläufe gewinnt, wird Statistiker zufolge in 16 von 17 Fällen auch Weltmeister – Trost für Ducati? Die einzige Ausnahme datiert von 1992, als Mick Doohan zwar die Auftaktrennen holte, der Titel aber an Wayne Rainey ging.
Die stimmung im fahrerlager kocht
Zwischen den Linien brodelt es. Marc Márquez, in Austin sonst Herr der linken Kurven, musste sich Bezzecchi früh geschlagen geben und rutschte in der Meisterschaft auf Platz drei ab. Teamchefs fluchen über neue Bodenwellen, Ingenieure basteln nächtelang an Aero-Upgrades – und in den sozialen Netzwerken feiern Tifosi mit Hashtags wie #Italialand und #Bezeffect bereits den Titel, obwohl erst drei von 20 Runden gefallen sind.
Doch Bezzecchi selbst bleibt kühl: „Rekorde sind schön, aber Punkte sind Trumpf“, sagt er mit jenem Lächeln, das seit November keine Pause mehr kennt. Aprilia-Teamchef Massimo Rivola dagegen lässt die Korken knallen: „Wir haben nicht nur einen Schritt, wir haben einen Satz Richtung Zukunft gemacht.“
Die Saison ist jung, die Karten neu gemischt. Fest steht: Nach diesem Sonntag wird in den Boxen nicht mehr über Ducati-Hegemonie debattiert, sondern darüber, wie lange die italische Flut noch wütet. Die Antwort liefert der Kalender: In zwei Wochen rollt der Zirkus nach Jerez. Und wer jetzt glaubt, Bezzecchi sei müde, kennt ihn schlecht – 121 Runden lang war er es leid, jemanden vor sich zu sehen.
