Italiens basketball-damen zerren sich nach berlin: 32 jahre wm-fluch ist geschichte
San Juan de Puerto Rico, 17. März, 13:04 Uhr Ortszeit: Italien schlägt Spanien 67-60, der Buzzer ertönt, und ein Jubel bricht los, der drei Jahrzehnte Warten in Luft auflöst. Erstmals seit 1992 fährt die Azzurri zum Basketball-Weltcup – und das mit einem Kader, der Angst vor niemandem kennt.
Capobiancos befreiungsschlag
Coach Andrea Capobianco hatte vor der Reise in die Karibik seinen Spielerinnen ein einziges Kommando mitgegeben: „Seid frei.“ Frei von Statistiken, frei vom Druck, frei vom Gedanken, dass Italien in der Großwetterlage des Weltbasketballs längst zur zweiten Garnitur gehört. Das Ergebnis: drei Siege in drei Spielen gegen Puerto Rico, Neuseeland und eben Spanien, das letzte noch in der Quali-Gruppe als Top-Favorit gehandelt. 16 offensive Rebounds, 9 Steals, ein Kollektiv, das jeden Centimeter des Parketts verbeulte.
Antrieb: Lorela Cubaj. Die 24-jährige Power-Forward aus Terni, früher Georgia Tech, heute Reyer Venedig, trug sich in die Statistik mit 12 Punkten, 8 Boards und einem Plus-Minus von +14 ein. Doch die eigentliche Macht entfaltet sie, wenn die Kamera nicht hinschaut. „Ich rede. Viel. Zu viel, sagen manche“, lacht sie im Mixed-Zone-Gewirr. „Aber wenn wir in der Verteidigung erstmal richtig schreien, dann wissen alle: Jetzt geht’s ums Überleben.“

Die italische wand funktioniert auch ohne selbstzweifel
Was diese Truppe auszeichnet: Sie vertraut sich blind. Die Frontcourt-Reihe mit Cubaj, Keys, Olbis und Madera ist durchschnittlich 1,90 groß, aber erstaunlich mobil. Gegen Spanien wehrten die vier gemeinsam 14 Gegenshots ab, verwandelten defensive Züge sofort in Fast-Break-Punkte. Dahinter steckt ein System, das Capobianco seit dem EM-Bronze-Sommer verfeinert: Switch alles, helfen, zurückrotieren, Wurf kontestieren. Keine Einzelleistung, sondern ein gemeinsames Blitzkonto.
Und dann ist da noch Cecilia Zandalasini. Die Shooting-Forward mit dem Schweizer Pass, aber italischem Herzen, zieht mit 1,95 m Deckungsbögen auf, öffnet Räume, die vorher nicht existierten. Gegen Neuseeland traf sie 5/6 aus der Distanz, gegen Spanien schaltete sie um auf Playmaker-Modus und servierte 6 Assists. „Wenn Ceci den Ball hat, bleibt die Defense stehen“, sagt Capobianco. „Das macht die Maschinerie rund um sie erst scharf.“

Von atlanta bis venedig: die college-erfahrung zahlt sich aus
Cubaj erlebte ihre Formierung in der NCAA, jene Mischung aus Drill und Showtime, die europäische Teams selten erreichen. „In den USA lernt man: Erst wenn du körperlich leidest, beginnt das Basketball-Spiel“, sagt sie. Diese Mentalität hat sie mit nach Hause gebracht. Giochi di prestigio? Fehlanzeige. Stattdessen Ellbogen-checks, Box-outs und ein Sound, als hätte jemand Kieselsteine in einen Mixer geworfen.
Die Gegner spüren das. Spaniens Center Laura Gil war nach dem Schlusspfiff so durchgeschüttelt, dass sie die Mixed-Zone passierte ohne ein einziges Wort. „Wir haben ihnen die Luft weggenommen“, erklärt Cubaj ohne jede Euphorie-Schleife. „Und genau das wollen wir in Berlin wiederholen.“

Berlin ruft – und das echo ist laut
Vom 26. September bis 6. Oktober trifft Italien in der Hauptgruppe auf Australien, China und Belgien. Der Verband rechnet mit 3.000 mitreisenden Fans, Tausende weitere schauen im Live-Stream. Sponsoren haben die Budgets bereits erhöht, die Fernsehgelder ebenfalls. Nach dem EM-Bronze war die Nachfrage gestiegen, doch die WM-Teilnahme katapultiert das Interesse auf ein Level, das man zuletzt bei der Frauen-Nationalmannschaft vor der Jahrtausendwende gesehen hat.
Die Spielerinnen selbst halten sich auf Instagram zurück. „Wir wissen, dass Berlin kein Selbstläufer wird“, sagt Cubaj. „Aber wir sind auch keine Außenseiter mehr.“ Der Blick geht nach vorn, nicht zurück. 32 Jahre WM-Abstinenz? Egal. Für diese Generation zählt nur das Jetzt, das Spiel, das nächste Foul, der nächste Sieg.
Der Flieger nach Berlin startet in zwei Wochen. Wer an Bord geht, trägt nicht nur das Trikot mit der Nummer 12, sondern auch das Versprechen, dass italienischer Frauenbasketball endlich wieder auf der Weltkarte steht – ohne Fußnote, ohne „aber“. Ende der Dürre.
