Italienischer fußball am scheideweg: gravinas analyse schockiert

Rom – Der italienische Fußball steht vor einem Scherbenhaufen. Nach dem erneuten Verpassen der Weltmeisterschaft und dem Rücktritt von Schlüsselpersonen wie Gianluigi Buffon und Trainer Gennaro Gattuso hat Verbandspräsident Gabriele Gravina, kurz vor seinem eigenen Abschied, eine erschütternde Bestandsaufnahme veröffentlicht. Die Diagnose ist eindeutig: Der italienische Fußball leidet unter einem maroden Fundament und einer verfehlten Jugendarbeit.

Die bittere wahrheit über die serie a

Gravinas Bericht lässt wenig Raum für Beschönigungen. Die mangelnde Durchlässigkeit im Oberhaus, wo es lediglich vier U-23-Teams bei zwanzig Teilnehmern gibt, wird scharf kritisiert. „Italien belegt laut unserer Analyse nur Platz 49 von 50 beobachteten Ligen, wenn es um den Anteil junger Spieler kommt, die in der höchsten Spielklasse Einsatzzeit erhalten“, stellt Gravina fest. Diese Zahl spricht Bände über die Vernachlässigung der Talentförderung im italienischen Fußball.

Doch nicht nur die Jugendabteilungen sind das Problem. Auch die hohen Investitionen in ausländische Spieler scheinen nicht die erhoffte Wirkung zu zeigen. Die Serie A gehört nicht zu den Top-10-Ligen hinsichtlich der Sprintdistanzen und die durchschnittliche Ballgeschwindigkeit liegt deutlich unter dem Niveau der Champions League und anderer europäischer Spitzenligen. Ein weiteres Detail, das Gravina anspricht: Der Versuch, italienische Spieler durch Richtlinien zu bevorzugen, wäre nicht nur ineffektiv, sondern auch rechtlich bedenklich.

Es ist ein Teufelskreis, aus dem sich der italienische Fußball befreien muss. Die Verbandsführung sieht hier eine umfassende Reform der Serie A, Serie B, Serie C und Serie D. „Ohne ein gemeinsames Ziel und eine Politik, die die notwendigen Rahmenbedingungen schafft, kann keine Einzelperson den italienischen Fußball wieder auf Kurs bringen“, mahnt Gravina.

Mehr als nur ein trainerwechsel

Mehr als nur ein trainerwechsel

Die mögliche Nachfolge von Gattuso durch Antonio Conte, der aktuell beim SSC Neapel unter Vertrag steht, wird von Gravina als reine Notlösung abgetan. „Ein Trainerwechsel allein wird das Problem nicht lösen“, betont er. Stattdessen fordert er eine grundlegende Neuausrichtung des gesamten Systems, die auch eine stärkere Betonung der Technik im Jugendbereich beinhaltet.

Gravina kritisiert zudem die vielen Egoisten im italienischen Fußball und die fehlende klare Verantwortlichkeiten zwischen Verband, Ligen und staatlichen Institutionen. „Zu viele Ungenauigkeiten und schlichtweg falsche Tatsachen befeuern die Suche nach einem Sündenbock und verbreiten falsche Vorstellungen“, so der scheidende Verbandsboss. Er betont, dass im Fußball die Interessen der verschiedenen Akteure so stark miteinander kollidieren, dass das System faktisch zum Erliegen kommt – ein klassisches Beispiel für zu viele Köche, die den Brei verderben.

Mit dem Ende seiner Amtszeit am 22. Juni wird Gravina nun versuchen, seine letzten Ideen einzubringen und die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft des italienischen Fußballs zu stellen. Die Aufgabe ist gewaltig, aber die Notwendigkeit einer Veränderung ist dringender denn je. Der italienische Fußball muss sich neu erfinden, wenn er seine frühere Größe wiedererlangen will. Der Verbandsboss hat nun die Maske fallen lassen und die Wahrheit ausgesprochen – ein notwendiger, wenn auch schmerzhafter Schritt.