Italia vor der quali-entscheidung: mentalcoach warnt vor dem kopf-gegner

Stefano Tirelli kennt die Angst. 30 Jahre lang hat er Nationalteams und Weltstars auf die schweren Minuten vorbereitet. Heute, kurz vor dem Rückspiel gegen Nordirland, sagt er: „Die Taktik interessiert niemanden, wenn der Kopf blockiert.“

Die letzten beiden wm-aus schreien noch immer

Donnarumma und Co. haben die Play-off-Flops gegen Schweden und Nordmazedonien nicht vergessen. Tirelli, der an der Mailander Katholischen Universität lehrt, erklärt, warum diese Erinnerung gleichzeitig Bremse und Treibstoff sein kann: „Manche Spieler tragen die Niederlage wie einen Rucksack voller Steine, andere nutzen sie als Weckruf. Der Unterschied ist nicht die Taktik, sondern die innere Geschichte, die sich jeder erzählt.“

Die Zahlen sprechen für ihn: In den letzten 17 entscheidenden Pflichtspielen schoss Italien nur neun Tore – bei zehn Gegentreffern. Die Statistik zeigt kein technisches, sondern ein psychisches Problem. „Wenn in der 75. Minute das Spiel steht, zählt nicht mehr, wie viele Varianten der Trainer geprobt hat. Zählt nur noch: Wer traut sich? Wer glaubt daran?“

Gattusos trumpf: er hat das finale schon gelebt

Gattusos trumpf: er hat das finale schon gelebt

Tirelli nennt einen Faktor, der außerhalb jeder Match-Analyse liegt: „Rino war selbst in den heißesten Nächten dabei, hat 2006 die Weltmeisterschaft gespielt. Diese Erfahrung steckt in seiner Stimme, in seinem Blick. Spieler spüren sofort, ob jemand vom Hörensagen redet oder wirklich drin war.“

Das Risiko sieht er trotzdem: „Ein Trainer darf nie annehmen, dass alle seine Spieler dieselbe Schmerzgrenze haben. Mancher braucht Schimpfen, mancher braucht eine Hand auf der Schulter. Gattuso muss heute jeden einzelnen Gesundheitscheck für die Seele machen.“

Die Uhr tickt. In zwölf Stunden stehen sie im Giuseppe-Meazza-Stadion, 90 Minuten vom Aufbruch oder vom nächsten Debakel. Tirelli hat den Spielen vorher eine einfache Botschaft mitgegeben: „Denkt nicht an das Ende. Denkt an den nächsten Pass. Denn der Kopf ist wie ein Muskel – wenn man ihn zu sehr anspannt, verkrampft er sich.“

Italia kann heute wieder Weltmeister werden – oder zumindest die Weltmeister-Stimmung zurückholen. Entscheidend ist nicht das 4-3-3, sondern ob jemand in der 88. Minute noch die Lunge aufreißt, um den zweiten Ball zu holen. Die Taktik steht auf dem Papier. Der Sieg muss im Kopf erstehen.