Italia schickt digital-natives nach katar – ein team, das 2006 nur aus pixeln kennt

Pio Esposito war noch nackig auf dem Flur, als Fabio Cannavaro den Pokal stemmte. Heute kann der 18-Jährige selbst Geschichte schreiben – mit einem Kicker-Gen, das Instagram und Berlin 2006 gleichermaßen nur aus dem Stream kennt.

Die letzte azzurri-generation, die den triumph noch bewusst miterlebte, sitzt inzwischen auf dem sofa von dazn

Die letzte azzurri-generation, die den triumph noch bewusst miterlebte, sitzt inzwischen auf dem sofa von dazn

17 der 25 Aktuellen hat Rudi Garcia nominiert, ohne dass sie je ein WM-Achtelfinale in Azurro gesehen hätten. Für sie beginnt die Erfolgsstory erst bei 0:1-Skandalen und dem Schock von Mailand 2017. Die Folge: Wer heute in Bergamo bei Nordirland aufläuft, trägt nicht nur die 1000-€-Kappe von Prada, sondern auch den Druck, ein ganzes Land wieder in die Fußball-Realität zu holen.

Die Statistik ist brutaler als jede Pressekonferenz: Seit 2010 schaffte Italien keinen einzigen Sieg in der K.o.-Phase. Kein Wunder, dass Riccardo Calafiori lieber über seine Premier-League-Gerüchte lacht als über die eigene Knie-OP von 2019. Der 21-Jährige verkörpert die neue Mentalität: erst rebellen, dann rennen.

Und dann ist da Sandro Tonali, der Newcastle-Kapitän in Spe, der mit 23 bereits mehr englische Kilometer in den Beinen hat als Lira-Geld in der Kindheit. Er soll Matteo Politano erklären, warum TikTok wichtiger ist als Totti-Speichel. Politano wiederum muss den Jungs erklären, dass ein WM-Turnier mehr ist als vier Gruppen-Storys und ein Adidas-Werbevertrag.

Die jüngste Entlassung von Federico Chiesa wirft ein Schlaglicht auf die Verletzungsmisere: Ein Team, das ohne Erinnerung an Sommermärchen spielt, darf keinen einzigen Muskelstrang riskieren. Die Folge: Nicolò Cambiaghi fliegt nach, obwohl seine 15 Serie-B-Tore eigentlich nur ein Bonbon für die Playoffs waren.

Doch der Blick nach vorn ist längst realistischer als die Sehnsucht nach 2006. Die Generation Z will nicht mehr hören, wie schön Berlin war. Sie will Doha erleben – und dann gleich weiter. Die Quali startet in Bergamo, aber im Kopf der Kids ist schlicht: Wer heute trifft, bestimmt morgen, ob die Highlights auf Twitch oder auf Träumen enden.

Die Uhr tickt. In 234 Tagen eröffnet Katar. Für Pio Esposito und Co. ist das kein Termin, sondern eine Deadline. Sonst bleibt Italien für sie ein Land, in dem Fußball nur noch in Schwarz-Weiß-Klips existiert – und der Pokal ein Relikt aus Vaters Erzählung.