Inter vor dem feuerprobe in florenz: calhanoglu zurück, lautaro auf der kippe
Mailand schläft nicht. Während die Nerazzurri nach dem blutigen 4:0 gegen Atalanta erst einmal die Kopfhörer absetzen und die Familie kuscheln, rotiert in Appiano Gentile der Kreis der Verletzten wie ein Roulette. Am Montag platzte Hakan Calhanoglu wieder in den Kader – ein Lichtblick, der die Mittelfeld-Lücke etwas schließt. Doch die Freude hält sich in Grenzen: Henrikh Mkhitaryan muss passen, Alessandro Bastoni nur auf dem Laufband mitlächeln und Lautaro Martínez trabt einsam seine Runden, begleitet von Physiotherapeuten statt von Jubelgesängen.
Calhanoglu liefert sich mit der uhr
Der türkische Regisseur war seit dem 2:1-Sieg gegen Genoa Anfang Februar außer Gefecht – eine Adduktorenbeschwerde, die sich wie ein ungeladener Gast festgesetzt hatte. Nun, nach sechs Wochen Leerlauf, soll er gegen die Fiorentina am Sonntag (20.45 Uhr) wieder durchstarten. Simone Inzaghi will ihn aber nicht über Nacht auf 90 Minuten hetzen. „Wenn er 60, 70 Minuten gibt, ist das ein Jackpot“, raunte ein Betreuer gestern Abend.
Die Statistik spricht für den 30-Jährigen: In den 21 Pflichtspielen mit Calhanoglu als Sechser holte Inter 2,4 Punkte pro Partie. Ohne ihn nur 1,9. Die Differenz mag marginal klingen, reicht aber in der Meisterschaft zwischen Festhalten und Fallen.

Mkhitaryan und bastoni: puzzle ohne kanten
Mkhitaryans Oberschenkel ist noch zu dünn für Sprintduelle. Er absolvierte nur Kräftigung, kein Balltraining. Bastoni schaffte die erste Einheit, dann Schluss. „Wir schauen Tag für Tag“, sagt Inzaghi – Trainer-Sprech für: Keiner wagt eine Prognose. Ohne Bastoni rückt Stefan de Vrij in die Dreierkette, auf Sechs fehlt dann aber die optionale Libero. Ein Domino, das bis nach vorne klappert.
Die eigentliche Zitterpartie aber spielt sich im Gehirn von Lautaro Martínez ab. Seit seinem Muskelfaserriss gegen Lecce ist der argentinische Kapitän außerhalb der Sturmriehe gefangen. Er schoss gestern 20 Minuten mit dem Nachwuchs, dann wieder Eis und Elektroden. Das Ziel: Einsatz in Florenz, damit die Reise ins Heimatland für die Länderspiele nicht ins Leere läuft. Denn Argentinien hat bereits Ersatz für die abgesagte Finalissima gegen Spanien organisiert: ein Test gegen Guatemala am 31. März. Für Martínez ein roter Stift im Kalender, für Inter ein Risiko.

Florenz als gradmesser für den titelkampf
Die Viola hat unter Vincenzo Italiano die dritthöchste Balleroberungsquote der Liga (57 %), nur Leverkusen und Barcelona weltweit besser. Wer da nicht vollzählig ist, wird ausgekontert. Inter reist mit nur zwei Punkten Vorsprung auf Juventus, das am Freitag in Neapel antritt. Verliert die Nerazzurri, könnte der Vorsprung auf Null schmelzen – und die anstehende Länderspielpause würde wie ein offenes Fenster wirken, durch das plötzlich Zweifel einziehen.
Für Inzaghi ist die Partie daher kein Schaulaufen, sondern ein Seismograph. Gewinnt er trotz B-Formation, festigt sich das Selbstvertrauen für die Champions-League-Viertelfinals gegen Atlético. Verliert er, wird der Druck laut, der sonst nur in der Curva Nord schwelt.
Die Uhr tickt. Bis Sonntag 20.45 Uhr bleiben noch 120 Stunden, in denen sich Muskeln regenerieren oder wieder rebellieren. Calhanoglu lacht wieder, Mkhitaryan schaut finster, Bastoni humpelt zur Physio-Kabine. Und Lautaro? Er weiß, dass Argentinien wartet, dass Inter aber zuerst zählt. Die Meisterschaft ist kein Marathon mehr, sondern ein 100-Meter-Sprint mit Hürden. Wer stolpert in Florenz, verliert mehr als nur drei Punkte: die Kontrolle über die eigene Geschichte.
