Inter stolpert, esposito liefert – und die meisterschaft rückt in weite ferne

Sechs Punkte Vorsprung auf Milan, sieben auf Napoli – klingt nach Komfortzone, ist aber ein Trugschluss. Die Inter-Spieler wissen es, Coach Cristian Chivu spürt es, und die Kurve tobt schon lauter als jede Statistik: Die Nerazzurri haben ihre Unverwundbarkeit verspielt, und der Kalender wird zum Gegner.

Seit drei Spieltagen holte Inter nur zwei Punkte. Die einstige Siegmaschine, die 14 von 15 Partien gewann und den Gegnern eine Grube schaufelte, wirkt plötzlich wie ein Offenstall ohne Tür. Gegen Atalanta und Fiorentina verspielte sie jeweils eine Führung, kassierte späte Gegentreffer und schlurfte mit hängenden Schultern vom Platz.

Lautaro fehlt – und mit ihm die seele

Der Argentinier sitzt mit Muskelproblemen in der Kabine, und seine Abwesenheit nagt an der Moral. Ohne ihn fehlen nicht nur Tore, sondern die richtungsweisende Stimme, das aggressive Pressing, der Biss, der Gegner in Zweikämpfe zwingt. Die Statistik lügt nicht: Mit Lautaro auf dem Rasen holte Inter 2,4 Punkte pro Partie, ohne ihn nur 1,3.

Doch selbst das erklärt noch nicht, warum ein Kader voller Champions-League-Sieger plötzlich wie ein Juniorenteam wirkt. Die Antwort liegt tiefer: im Rhythmus, im Selbstvertrauen, im Kopf. Chivu wechselte dreimal die Systematik, riss die Abwehrkette auseinander, stellte Fragen auf, die seine Spieler nicht beantworten konnten. Der Trainer sucht Halt – und findet nur noch Erschöpfung.

Die revierkonzerte stehen an

Die revierkonzerte stehen an

Am nächsten Wochenende empfängt Milan den Tabellenletzten, Napolo spielt gegen einen Abstiegskandidaten. Gewinnen beide, schmilzt der Vorsprung auf drei Punkte. Dann wäre die Meisterschaft kein sicheres Bankkonto mehr, sondern ein offener Scheck, den jeder einlösen kann.

Inter muss also reagieren – und plötzlich ist Sebastiano Esposito mehr als ein Talent. Der 21-Jährige lief in Florenz 25 Minuten, traf den Lattenkopf, forderte sein Team auf, endlich wieder zuzubeißen. Seine Körpersprache wirft Fragen auf: Warum sitzt er sonst meist nur draußen? Seine Antwort kam ohne Worte, dafür mit einer Art Kampfgeist, die Inter derzeit vermissen lässt. Für Nationaltrainer Spalletti ist das ein Seitenhieb: Wer reift, wenn der Top-Stürmer fehlt, ist auch ein Kandidat für die Azzurri.

Die Meisterschaft ist noch nicht verloren, aber sie ist längst nicht mehr in eigenen Händen. Die nächsten 270 Minuten entscheiden, ob Inter den Scudetto verteidigt oder in die Geschichte als größter Selbstzweifler der Serie A eingeht. Die Uhr tickt – und Esposito tickt mit.