Infantino kauft sich eine gewerkschaft – und schickt seine ex-truppe in den kampf
Madrid – Donnerstagmittag, Hotel NH Collection Eurobuilding. David Aganzo, einst Präsident der weltgrößten Spielergewerkschaft FIFPRO, tritt vor die Kameras und verkündet stolz: „Wir werden zur führenden Vertretung der Fußballer weltweit.“ Kaum jemand im Saal glaubt ihm. Denn hinter der neu gegründeten Asociación Internacional de Futbolistas (AIF) steckt nicht der Spielerwille, sondern ein Mann im FIFA-Hauptquartier: Gianni Infantino.
Der mann, der mit geheimnissen wirft
Der Plan ist so kühl kalkuliert wie ein Elfmeter im 90. Minute. Infantino streitet jede Einflussnahme ab, doch die Spuren führen direkt ins Zürcher Büro. Als FIFPRO 2024 bei der EU-Kommission gegen den überfüllten Spielkalender klagte, saßen plötzlich Aganzo und sein brasilianischer Mitstreiter Martorelli am Verhandlungstisch – während die Vertreter von 70 nationalen Verbänden draußen blieben. Kein Zufall, sondern eine klare Machtdemonstration.
Jetzt zieht Infantino den nächsten Trumpf: eine Konkurrenz-Gewerkschaft, die ihm gefälligst die Spielrechte überschreibt. Die AIF will „Transparenz“, sagt Aganzo. Was er verschweigt: Noch ist offen, wer die Kasse füllt. FIFPRO finanziert sich aus Lizenzgebühren für Videospiele – ein Milliardenmarkt, den die FIFA seit Jahren unter ihre Kontrolle bringen will. Die deutsche VDV, seit Jahren aus FIFPRO ausgestiegen, kommentiert die neue Konkurrenz knapp: „Wir sprechen mit allen.“ Geschäftsführer Ulf Baranowsky weiß, worauf er sich einlässt.

Der aufstand der funktionäre
In Madrid wirkt Aganzo wie ein General ohne Armee. Neben ihm stehen lediglich vier regionale Verbände: Mexiko, São Paulo, Spanien, die Schweiz. Die großen Länder – England, Frankreich, Deutschland – bleiben außen vor. Die FIFPRO kontert sofort: „Aganzo fehlt jede demokratische Legitimation.“ Tatsache: Als er 2024 bei FIFPRO mit seiner Transparenz-Offensive scheiterte, forderte ihn die Mitgliedermehrheit zum Rücktritt auf. Statt sich zu verabschieden, gründet er eben eine neue Bühne – mit Infantinos leiser Unterstützung.
Die FIFA selbst schweigt offiziell. Doch intern kursiert ein Datum: 16. Mai 2025, Vancouver. Dort findet der 76. FIFA-Kongress statt. Aganzo kündigt an: „Wir werden vor Ort sein.“ Was er meint: Infantino liefert sich die Spielergewerkschaft, die er jahrelang nicht kontrollieren konnte. Die AIF soll dem Weltverband die Rechte an Namen, Bildern und Daten der Profis liefern – und im Gegenzug Zugang zu den inneren Zirkeln erhalten.
Für die Spieler ändert sich zunächst wenig. Sie schließen sich weiterhin ihren nationalen Verbänden an, die wiederum FIFPRO angehören. Doch die FIFA braucht nur ein paar hohe Profil-Namen, die vor die Kameras treten und die AIF als „Spielerstimme“ verkaufen. Die Drohung an FIFPRO ist klar: Passt euch an, oder wir ersetzen euch.
Am Ende bleibt ein Geschäftsmodell, das nach Rohöl riecht. Wer die Kasse füllt, bestimmt die Richtung. Und die Richtung heißt: mehr Spiele, mehr Vermarktung, mehr Kontrolle. Infantino hat keine Gewerkschaft gegründet – er hat sich eine gekauft. Die Frage ist nicht, ob die AIF Erfolg hat. Die Frage ist, wie lange FIFPRO noch Widerstand leistet, bevor die ersten Verbände umschwenken. Die Uhr tickt. Vancouver rückt näher.
