Hrubec zieht den playoff-stecker: kein bier, kein internet, kein interview

Simon Hrubec schaltet ab, um aufzulegen. Der Torhüter der ZSC Lions flieht vor den Medien, weil er vor dem Puck flieht. Sein Handy bleibt aus, sein Rasierer auch, und die National League frägt sich: Wie stoppt man einen Mann, der sich selbst zur Maschine macht?

Der tunnel beginnt in der küche seiner frau

Um 7:30 Uhr steht Haferbrei auf dem Tisch. Kein Zimt, keine Früchte, nur Flochen und heißes Wasser. „Ihr Ritual, nicht meins“, sagt Hrubec, „aber ich esse, weil sie glaubt, dass es Glück bringt.“ Drei Kinder trampeln durch die Wohnung, seine Frau koordiniert Mittagsschlaf und Nachtruhe wie einen Bahnfahrplan. Wer denkt, dass Eishockey mit dem ersten Schlittschritt beginnt, kennt Hrubecs Playoff-Kalender nicht.

Der 33-Jährige spricht selten, aber wenn, dann zerlegt er Sätze wie Videobilder. „Ein Bier stört den Erholungsprozess“, sagt er und meint damit nicht nur Alkohol, sondern jede Ablenkung. In der Hauptrunde trinkt er mit seinen tschechischen Kollegen noch ein Pils wie Wasser, in der Endrunde wird selbst Cola zum Risiko. Stattdessen liest er skandinavische Krimis, 480 Seiten pro Busfahrt. „Manchmal verfolgt mich die Frage nach dem Mörter bis ins Bully“, gibt er zu. Die Antwort steht dann meist in seinem Block.

Zwei titel, null schnitzer – und trotzdem schlägt er sich selbst

Zwei titel, null schnitzer – und trotzdem schlägt er sich selbst

Hrubecs Interner Dialog ist ein Konstantgeräusch. Jeder Fang wird abgehakt, jeder Gegentor analysiert. Nach dem Spiel sitzt er mit Goalie-Coach Marco Bührer im Video-Raum, Sekunde für Sekunde. „Ich bin mein härtester Kritiker“, sagt er, „aber nur, wenn ich weiß, warum ich versagt habe, kann ich es nächstes Mal verhindern.“ Die Statistik spricht für ihn: 92,3 % Fangquote in den letzten zwei Playoffs, kein Schweizer Schlussmann liegt höher.

Die Barttracht ist kein Aberglaube, sondern ein Zeitmarker. „Wenn der Bart juckt, bin ich zwei Wochen im Tunnel“, sagt er. Die Gegner wissen das. Genf hat in dieser Saison dreimal probiert, ihn zu provozieren, dreimal verließ Hrubec mit Shutout das Eis. Bern schickte Stürmer in seinen Kasten, Hrubec schickt sie zurück in die Mittelzone. Nur einmal klappte es nicht: Letztes Jahr im Finale gegen Lugano, da kostete ihn ein Abpraller den perfekten Durchschnitt. Er sagt: „Der war wichtiger als jeder Sieg, weil er mir gezeigt hat, dass Perfektion langweilig wäre.“

Die lions bauen auf einem mann, der keine nachrichten liest

Die lions bauen auf einem mann, der keine nachrichten liest

Trainer Rikard Grönborg nennt ihn „unseren silent leader“. In der Kabine redet Hrubec weniger als fünf Minuten pro Spieltag. Stattdessen steht er eine Stunde vor dem Eis allein auf dem Feld, schießt sich 200 Pucke an die Latte, bis das Metall singt. Die Mannschaft weiß: Wer ihn unterbricht, bekommt kein Wort, nur einen Blick. „Torhüter sind eigen“, sagt Grönborg, „aber Simon ist eine eigene Galaxie.“

Die Zürcher haben in dieser Playoff-Serie bisher 13 Tore kassiert, das ist Ligrekord. Hrubecs Gegenspieler Leonardo Genoni in Bern steht bei 18, Lagardère-Goalie Jakub Kovar sogar bei 22. Die Frage ist nicht, ob die Lions den Hattrick schaffen, sondern ob überhaupt jemand vorbeikommt. „Wir reden nicht über drei Titel“, sagt Hrubec, „wir reden über die nächste 60 Minuten.“ Danach kommt wieder der Haferbrei, wieder die Kinder, wieder die Stille.

Am Freitag steht Spiel fünf in Bern an. Hrubec wird sich nicht rasieren, wird sein Handy im Hotelzimmer lassen und wird wieder 60 Minuten lang die Welt aussperren. Die Welt, die sich fragt, wie man einen Mann stoppt, der sich selbst stopt. Die Antwort steht in seinem Block: Er spielt einfach weiter.