Hölscher schiebt die scherben beiseite: „totgesagte leben länger“
Rot-Weiß Oberhausen, 92. Minute, Eigentor – wieder. Der Ball kullert ins eigene Netz, das Jahnstadion erstarrt. Marcel Hölscher schlägt mit der flachen Hand gegen den Pfosten, atmet tief durch und denkt: „Sechsmal gewinnen, dann ist alles gut.“
450 Spiele, ein verein, keine geduld mehr
Seit 2009 steht er im Kasten von Wiedenbrück, seit 2012 ununterbrochen in der Regionalliga West. Niemand hat mehr Einsätze in dieser Staffel, niemand kennt die Gräben zwischen Lippstadt, Gütersloh und Rödinghausen besser. Die rote Laterne? „Das letzte Mal 2013/14, ich erinnere mich kaum“, sagt er, obwohl die Zahlen lügen nicht: Platz 18, 21 Punkte, neun Remis, drei Siege. Damals rettete ein 2:1 in Lippstadt. Heute sind es sechs Zähler Rückstand auf den rettenden 15. Platz – und nur neun Spiele Zeit.
Zwei Eigentore in zwei Partien klingen nach Pech, sind aber Symptom. Die Defensive steht, doch vorne fehlt die Kaltschnäuzigkeit. Trainer Sascha Mölders redet von „Kopf-Thema“, Hölscher nennt es „Selbstvertrauen im 16er“. Der Kapitän spült keine Phrasen, er zählt auf: „Gladbach-U23, Oberhausen – wir waren mindestens einen Punkt wert.“ Die Punkte aber landen beim Gegner.

Restprogramm liefert heimrecht – und ein déjà-vu
Sechs Heimspiele, drei Auswärtsaufgaben. Das klingt nach Vorteil, doch das Jahnstadion ist kein Hexenkessel, sondern ein Alarmsystem. „Wenn wir früh treffen, wird es laut“, sagt Hölscher. Der Plan: Karsamstag gegen FC Gütersloh die Kurve kriegen, dann Bocholt, Dortmund II, Lippstadt – alles Duelle, in denen Wiedenbrück schon blutete. Die Rechnung: 18 Punkte aus neun Spielen, 15 reichen vermutlich, weil kein NRW-Klub in der 3. Liga abstiegsbedroht ist.
Die Physiotherapeuten messen ihm nach jedem Training die Sprunggelenke, die Knie knacken wie altes Holz. Mit 34 Jahren ist er kein Museumsgut, sondern Notnagel. Vertrag bis 2029? Unterschrieben, als Liga vier noch glamourös klang. Jetzt droht Liga fünf. „Ich bin nicht der Held, der den Klub rettet“, sagt er, „aber ich kann den Schaden begrenzen.“ Fakt ist: Ohne Hölschers Paraden stünde Wiedenbrück nicht bei 21, sondern bei 15 Punkten.

Rekord mit charakter – und ein letztes mal mai
406 Regionalliga-Einsätze, 37 Vorsprung auf Verfolger Stipe Batarilo, der am Mittwoch mit Bocholt im Jahnstadion gastiert. Die beiden kennen sich seit der gemeinsamen Zeit in Wiedenbrück, damals noch als Nebenberufskicker, heute als Familienväter mit Kniebandage. „Ich spiele nur für einen Verein, das macht den Rekord persönlicher“, sagt Hölscher. Batarilo wechselt, Hölscher bleibt – das ist die Geschichte des SCW in einer Nussschale.
Am 16. Mai empfängt Wiedenbrück die U23 von Borussia Dortmund. Wenn es dann um alles geht, will Hölscher wieder in diesen Kasten springen, wieder ans Pfosten klopfen, wieder anschreien. „Und wenn wir dann in der Oberliga landen, fange ich dort wieder an“, sagt er. Keine Rhetorik, keine Träne, nur Tatsache. Totgesagte leben länger – und manchmal eben auch in Liga fünf.
